Dabei ist doch alles eine Familie, eine Fußballfamilie, nicht wahr? Wenn das so ist, wird das Familiengericht viel zu tun haben. Das Protokoll des aktuellen Prozessticker DFB: Nun drohe Volker Roth dem angeblichen Vermittler im Amerell-Fall Franz-Xaver Wack mit Klage, meldet kicker Online. Roth wird dort zitiert: „Wenn Wack diese Behauptung aufrecht erhält, werde ich ihn verklagen.“ Wack hat im DSF behauptet, er habe Roth bereits 2005 vom „System Amerell“ berichtet. Und damit, gewollt oder ungewollt, Roth der Untätigkeit bezichtigt. In der Sportschau vor zehn Tagen hat sich der Ex-Schiedsrichter Peter Gabor ähnlich geäußert: „In Berlin war Manfred Amerell das ein oder andere Mal unterwegs, auch mit jungen Schiedsrichtern, die in dem Ruf standen für so etwas empfänglich zu sein. Und ich denke, das ist beim DFB beileibe nicht so unbekannt.“
Im Gespräch mit Welt Online verteidigt Wack seine Spatzl-Aktion und greift seinerseits Margit Amerell und Amerell-Anwalt Jürgen Langer an: „Die Beweislast gegen Amerell ist einfach erdrückend. Nun versucht er, uns in Misskredit zu bringen.“ Frau Amerell habe ihm Theater vorgespielt, als sie Wack nach Augsburg bat.
Auffällig bis verräterisch ist die Wortwahl Wacks, der sagt, Michael Kempter sei „der Homosexualität bezichtigt“ worden. Lese ich das richtig? Der Homosexualität bezichtigt?! Außerdem sagt er: „Es wird von der Gegenseite nur Ablenkungspolitik betrieben.“ Wieso Gegenseite? Wack gibt sich doch als Mediator aus, dann kann er nicht von Gegenseite sprechen. Nettes Detail im Interview: Langer soll auch Schiedsrichter sein. Auch ein entferntes Mitglied der Familie?
Eine weitere Klagedrohung, eine aggressive Pressekonferenz der „Gegenseite“, ein Lügenvorwurf und eine eigene Schlagzeile („Frau Amerell hat mir eine Falle gestellt“) – es gibt bessere Bilanzen für einen Vermittler.
Einwurf – Andreas Rüttenauer (taz) befasst sich mit dem Schiedsrichterwesen und der Kommunikationspolitik des DFB:
„Opfer sexueller Übergriffe dürften es sich in Zukunft gut überlegen, ob sie sich mit ihren Problemen an den Verband wenden. Sie müssen Angst haben, in der Öffentlichkeit gegrillt zu werden. Ein professioneller Umgang mit derart heiklen Themen ist für einen ehrenamtlich organisierten Großverband wie den DFB mit seinen über die Jahre gepflegten Abhängigkeiten und Gunstbeziehungen beinahe unmöglich. Was viele Trainer fordern, wenn sie sich über eine Fehlentscheidung mokieren, könnte im Zuge des Falles Amerell/Kempter endlich eingeführt werden: das Berufsschiedsrichterwesen.“
Der Branchendienst Sponsors meldet eine Klage der Agentur Sportsfirst gegen Oliver Bierhoff wegen unterlassener Provisionszahlungen. Die Bild hatte davon bereits vorige Woche berichtet, mir war das aber entgangen. Geschäftsführer bei Sportsfirst ist übrigens dieses Familienmitglied:
Die Seite Drei der SZ portraitiert heute Theo Zwanziger, und wir erfahren eine Nachricht, die uns irgendwie bekannt vorkommt (woher bloß?). Philipp Selldorf schreibt: „Im ersten Moment hat der schwer gekränkte und nicht selten aufbrausende Theo Zwanziger über eine Klage nachgedacht. Stattdessen lud er den Autor zum Gespräch ein, was vielleicht vernünftig ist in diesen nervösen Zeiten – was aber auch wie eine chinesische Kriegslist wirkt.“ Die Rede ist von Michael Horeni, der vor zehn Tagen einen sehr kritischen Text über Zwanziger veröffentlicht hat. Warum hat Zwanziger auf eine Klage verzichtet? Hat der Duden nichts hergegeben? Im Text gibt es übrigens keinen Hinweis auf die Weinreich-Affäre.
Selldorf zeichnet einen selbstgewissen Präsidenten, der nicht den Eindruck macht, in seinem Verhalten in den aktuellen Fällen einen Fehler erkannt zu haben. Einen freundlichen Mann, der aber gegenüber Mitarbeitern ein „Wüterich“ sein kann. Verbreitung findet die Anekdote, wonach sich Wolfgang Niersbach einmal vor Zwanziger auf der Flucht in sein Büro eingeschlossen habe. Fazit: Zwanziger habe es durch seine autoritäre Führungsmethode fertiggebracht, dass in Frankfurt einige Gerhard Mayer-Vorfelder nachtrauern.
Fußball wird ja auch noch gespielt, doch das Sportliche bleibt im Hintergrund. Vielmehr kommentieren die Zeitungen die Vorbereitung auf das Spiel gegen Argentinien unter dem Vorzeichen der gescheiterten Vertragsverhandlung mit Joachim Löw. Michael Horeni (FAZ) schreibt:
„Man kann leicht den Eindruck gewinnen, dass der Graben zwischen der Mannschaftsführung und der DFB-Führung nie größer war – und dass die Nationalmannschaftsgruppe ihr WM-Projekt jetzt rigoros durchzieht, ohne sich noch um Zwanziger und seine Helfer zu scheren. Die Reibung erhöht zudem die Anspannung. Das neue Reizklima, so heißt es bei der Nationalelf, sei gar nicht so schlecht, der Gefahr von Bequemlichkeit würde so vorgebeugt, wenn auch unbeabsichtigt.“
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) will gespürt haben, wie zornig Joachim Löw noch immer auf Zwanziger und Niersbach ist – und wie chancenlos die Hoffnung ist auf eine Vertragsverlängerung nach der WM. Zum selben Schluss kommen auch Sven Goldmann und Michael Rosentritt für den Tagesspiegel. Bild wetzt schon mal das Messer.
Gegner heute ist Diego Maradona. Bin gespannt, ob sich der DFB wenigstens in diesen Tagen moralische Abgrenzungen gegenüber den Verwerfungen des größten Fußballers aller Zeiten verkneifen kann.
verwandte Artikel:
Stefan schrieb am 3. März 2010:
Irgendwie ensteht der Eindruck, die haben ihren Laden nicht mehr so wirklich im Griff. Oder ist es mein Laden? Immerhin bezahle ich ja meine Beiträge.
Dirk schrieb am 3. März 2010:
Habe nur ich den Eindruck, dass der DF momentan dem IF den Rang abläuft? Oder wie sehen das die anderen?
Auf jeden Fall ist diese Zusammenstellung hier genau das, was ich lesen möchte.
nona schrieb am 3. März 2010:
In derselben Sportschau vor ~10 Tagen bezeichnete Reinhold Beckmann den Umgang des DFB mit dieser Sache als “verklemmt”. Ich fand, das war genau das Wort, das ich die ganze Zeit gesucht hatte.
sportinsider schrieb am 3. März 2010:
@Dirk: Beim Indirekten Freistoß gab es ja einen Trainerwechsel.Coach Baade macht die Sache gut.
Es war ja bereits bei Gründung durch Oliver Fritsch eine exzellente Fußball-Presseschau. Später wurde der kleine Bruder direkter Freistoß ins Leben gerufen. Der DF hat schon immer vom Engagement und den Artikeln von Oliver Fritsch gelebt. IF und DF haben sich immer gut ergänzt. In der momentanen Phase der täglichen Nachrichtenproduktion kann der Hausherr fast gar nicht anders wie die Dinge akribisch hier auf DF aufzulisten und zu kommentieren. Das ist gut so. Ich würde da keinen Vergleich IF und DF oder eine Wertung wie beim Eiskunstlaufen mit A-Note und B-Note vornehmen wollen. Lass den Trainer Baade ruhig den IF voranbringen und Oliver Fritsch den DF.
Klaus-Müller Peters schrieb am 3. März 2010:
“In der Sportschau vor zehn Tagen hat sich der Ex-Schiedsrichter Peter Gabor ähnlich geäußert: „In Berlin war Manfred Amerell das ein oder andere Mal unterwegs, auch mit jungen Schiedsrichtern, die in dem Ruf standen für so etwas empfänglich zu sein. Und ich denke, das ist beim DFB beileibe nicht so unbekannt.“”
“die in dem Ruf standen für so etwas empfänglich zu sein.” Die perfekte Paraphrasierung für Menschen, die schon rot anlaufen, wenn sie das Wort “schwul” hören oder gar selbst aussprechen müssen.
Oliver Fritsch schrieb am 3. März 2010:
Gute Beobachtung, Klaus-Müller Peters.
Linksaussen schrieb am 3. März 2010:
am ende ist zwanziger nach der wm nicht mehr dfb-präsident und löw wie auch bierhoff überleben ihn noch. hätte ich vor kurzem auch nicht für möglich gehalten.
und ja, das “bezichtigt” war mir auch beim lesen unangenehm aufgestoßen.
Schalker Journalistenbasher schrieb am 4. März 2010:
Ist zwar schon lange nicht mehr meine Art Journalisten zu loben, aber hier muss ich mal eine Ausnahme machen: Sehr gut beschrieben und zum Teil geradezu schrfsinnig und zutreffen annalysiert, Oliver Fritsch!
Bastian (Chemieblogger) schrieb am 4. März 2010:
@Linksaussen: Ich tendiere mittlerweile eher zu: Nach der WM sind T20er, Jogi und der aufstrebende Nachwuchsmanager weg vom Fenster.
Wie sich der DFB derzeit in der Öffentlichkeit darstellt, ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Das ist ein PR-Super-GAU, und das vom größten Sportverband der Welt. Bei der Demagogen-Affäre hatte ich noch gedacht, dass es einfach nur eine Unterschätzung der Öffentlichkeitswirkung von Blogs war. Aber mittlerweile (ein neuer Wettskandal, der Vertrags-”Poker”, eine Affäre von und mit Menschen, “die in dem Ruf standen für so etwas empfänglich zu sein”) darf man ja der Überzeugung sein: Die PR des DFB ist von “Kommunikationsherrschaft” in etwa so weit entfernt wie Oliver Bierhoff von der Vertragsverlängerung.