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Oliver Fritsch Issa nixa Fringse

von Oliver Fritsch

Der letzte Samstag war ein Trauertag für den deutschen Fan – Italien, unser größtes Hassobjekt, hat sich für die EM qualifiziert. Sucht man in der Studenten-Community „StudiVZ“ die dort gegründeten Gruppen nach der Wortkombination „Fußball“ und „Italien“, erhält man viele bezeichnende Treffer, zum Beispiel: „Italiener spielen fairen Fußball, und Kinder bringt der Storch.“ Eine andere Gemeinschaft scheint zu Fußballagnostikern geworden zu sein: „Wenn es einen Fußballgott gibt, warum gibt es dann Italien?“ Besonders gut, weil so herrlich-deutsch-dogmatisch, gefällt mir: „Italienischer Fußball ist systematische Unfairness.“ Fast nicht zu zählen die weiteren Gruppen, in denen die Begriffe „Hass“, „hassen“, „hässlich“ und „igitt“ vorkommen.

Auch in der Presse kursieren Boshaftigkeiten. Berichten deutsche Journalisten über Italiens Fußball, schwillt vielen die Zornesader. An der WM 2006 heftete ein Dichter Italien dieses Etikett an: „die beschissenst spielende Mannschaft der WM, zum Kotzen!“ Woanders war von „parasitären Mamasöhnchen, die ihre Frauen ausbeuten“ zu lesen und von schummelnden, glitschigen Wesen. Der typische, schmierige Stranditaliener eben, der unsere Frauen anbaggert. Der sich durchmogelnde, Elfmeter schindende Stürmer Marke Inzaghi, dem alle Mittel recht sind, die zum Erfolg führen. (An dieser Stelle sollten wir besser gar nicht lange überlegen, welche Rolle Elfmeter in der deutschen WM-Geschichte spielen; Gel und Haarbänder führen übrigens auch Fußballstars aus anderen Ländern in ihren Handtäschchen.)

Mein Gott, war Totti gut!

Klischees und Feindschaften sind im Fußball freilich nicht nur erlaubt, sondern Pflicht. Und nach verlorenen WM-Halbfinals unterstütze ich jeden Pizzaboykott – drei Tage lang zumindest. Doch geht’s um die fachliche Analyse des Fußballspiels, muss ich meinen Pass mal kurz beiseite legen. Als guter Deutscher würde ich natürlich gern die These meiner Landsleute stützen, dass die Italiener ängstlichen, unmännlichen Mauerfußball spielen. Doch das ach so defensive Italien hat uns vor der WM 4:1 derart geschrubbt, dass wir uns am liebsten vom Turnier abgemeldet hätten. In der Verlängerung des Halbfinals 2006 überrannten sie uns mit drei Stürmern. An der EM 1996, ermauerten sich die Deutschen unter Tormann Köpke ein 0:0 gegen stürmende Italiener. Italien, damals die taktisch beste und offensivste Mannschaft des Turniers, schied in der Vorrunde aus, die kämpfenden Deutschen gewannen den Titel.


Geheime Bilder aus dem italienischen Trainingslager

An der EM 2000 erspielten sich die Italiener mit ihrer rasant schnellen Kontertaktik die meisten Torchancen. Mein Gott, war Totti gut! (Für diesen Satz werden mir wohl einige die Freundschaft kündigen.) Experten wie Christoph Daum und Berti Vogts priesen den innovativen Stil der Italiener, Deutschlands Zeitungen schrieben vom Zerstörerfußball. Der klassische Denkfehler, den man auch in jeder Kreisliga macht: Man verwechselt Ballbesitz mit Dominanz und vielleicht auch mit Ästhetik. Nebenbei, bei der EM 2004 lagen die chancen- und sieglosen Deutschen in der Ballbesitzstatistik vorne.

Kluges Abwehrspiel in der Muttermilch

Und der Schummel- und Mogelvorwurf? Nach dem 2:1-Sieg in Schottland am Samstag, bei dem die Italiener die Gastgeber offenbar im D-Zug-Tempo überfahren wollten, war in der ARD zu hören, dass sie wieder mal vom Schiedsrichter profitiert hätten; dem Siegtreffer war in der Tat eine Fehlentscheidung vorausgegangen. Doch die gab es auf beiden Seiten. Außerdem wären die Italiener auch mit einem 1:1 qualifiziert gewesen. Bekomme ich meine Staatsbürgerschaft gekündigt, wenn ich zudem darauf verweise, dass Italien an der WM 2002 fünf Tore aberkannt wurden und der Schiedsrichter den Gastgeber Südkorea sichtbar begünstigte?

Ja, ich weiß, Italiens Fußballsystem ist marode wie seine Stadien: Gewalt, Korruption, Lobbyismus, Hinterzimmerpolitik, Interessenverflechtungen. Doch an Italiens hohen Fußballbildungsstandards sollten wir uns ein Beispiel nehmen: Die Taktikschulung der italienischen Profiklubs, da wird Oliver Bierhoff im aktuellen Streit mit Rudi Völler und der Liga sicher recht haben, war die der unseren weit voraus – und ist es vermutlich noch immer; Lehrvideos des Trainermeisters und Offensiv-Gurus Arrigo Sacchi öffnen einem Blinden die Augen; Kinder und Jugendliche saugen das kluge Abwehrspiel mit der Muttermilch auf. Mal einen Gratisvorschlag für die Uefa: Warum gibt es eigentlich keine Pisa-Studie im Fußball?

Was nun? Werde ich nun wegen Italophilie ausgewandert? Ich versuche zum Schluss, meine Ehre zu retten: Hättet Ihr Makkaronis uns nicht den Frings gestohlen, wäre die Sache im letzten Jahr anders ausgegangen. Wie sagte Euer Trainer doch so verräterisch: „Issa nixa Fringse.“ Wartet’s nur ab bis zum nächsten Mal!


Torsten Frings haut sein Gegenüber windelweich. Es gab deutsche Journalisten, die für dieses „Vergehen“ eine noch höhere Strafe verlangt haben!

#7 meiner Kolumne auf stern.de

14 Kommentare

  1. newtown schrieb am 23. November 2007:

    Ein sehr unterhalsamer Beitrag, wie ich finde. Und so herrlich passend: Es ist noch eine Rechnung offen und ich möchte nur den EM-Titel, wenn der Weg über Italien führt.

    Denn: Sie waren letztes Jahr einfach den einen Tick besser. Bin gespannt, ob sich das ändern lässt …..

  2. Enno Aljets schrieb am 23. November 2007:

    Ich bin vom Fußball der italienischen Nationalmannschaft begeistert. Auch gegen Schottland wurde noch attraktiver Fußball geboten, zwar im italienischen D-Zug-Tempo, doch das entspricht immer noch einer Express-Geschwindigkeit anderer Nationen. Man sieht den Unterschied nur allzu deutlich, wenn man das deutsche D-Zug-Tempo gegen Wales gesehen hat…
    Aber grade die eingangs angerissene Frage nach der typisch-deutschen Negativ-Verblendung Italiens im Allgemeinen und seines Fußballs im Besonderen finde ich interessant. Jedoch erscheint sie mir hier nur angedeutet, sodass ich mich kurzerhand dazu entschließe mal einen ausführlicheren Beitrag dazu schreiben zu wollen. Danke jedenfalls für die Anregung!

  3. Der Sport der Gesellschaft schrieb am 23. November 2007:

    Des Deutschen liebster Feind: „Der italienische Fußball“…

    Heute hat Oliver Fritsch wieder einmal einen herrlichen Freistoß direkt verwandelt und mich zum weiteren Nachdenken über das deutsch-italienische Fußballverhältnis animiert.
    Erstens wird dort schon angemerkt, dass Klischees und Feindschaften im S…

  4. riovermelho schrieb am 23. November 2007:

    interessant wäre gewesen, wie der Beitrag ausgesehen hätte, wenn die Schotten 10 Minuten vor Schluß in Führung gegangen wären und die EM ohne Italien stattfinden würde. Wäre italienische Taktikschule dann immer noch das nonplusultra des Fußballs gewesen?

    Man kann über den italienischen Fußball sagen was man will, aber über zu wenig Glück dürfen sich die Italiener nicht beklagen. Wer bei der WM ein! gutes Spiel macht und dieses dann in der 119. Minute gewinnt, in der Vorrunde gegen Ghana zwei Regelverstöße im eigenen 16ner nicht bestraft werden, dafür aber im Achtelfinale total glücklich gegen Australien!!! gewinnt, ist nicht so toll wie hier suggeriert wird.

    Außerdem: in einem Land wo Spielmanipulationen, systematisches Doping uns sonstige Schweinereien an der Tagesordnung sind, bleibt die Frage offen, ob nicht bei großen internationalen Wettbewerben auch „nachgeholen´“ wird….

  5. Oliver Fritsch schrieb am 23. November 2007:

    Frage riovermelho: Interessant wäre gewesen, wie der Beitrag ausgesehen hätte, wenn die Schotten 10 Minuten vor Schluß in Führung gegangen wären und die EM ohne Italien stattfinden würde. Wäre italienische Taktikschule dann immer noch das nonplusultra des Fußballs gewesen?

    Antwort: Ja.

  6. CLx7 schrieb am 23. November 2007:

    @riovermehlo

    und genau für schreiberlinge wie riovermehlo schribt ein Oliver Fritsch solche Beiträge. Für ewig stänkernde….

    Es ist nun mal nicht so ausgegangen wie sie es beschreiben. Sonst hätte es auch den Beitrag Issa nixa Fringse nicht gegeben……

    Schöne EM noch!
    Ach ja, mein Tipp is ja klar! Aber als zweiten wünsche ich mir so gerne die Türkei…..
    Wegen den tollen Straßenfesten wie ein Forumsuser mal schrieb.

  7. CLx7 schrieb am 23. November 2007:

    Zum Video aus dem italienischem Trainingslager!
    Ich finde dieses Video und den Titel den sich irgendjemand mal ausgedacht sowas von witzig!
    Aber ich habe mich schon von Anfang an gefragt, ob die Jungs und Trainer die zu sehen sind wirklich italienisch aussehen?
    Sehe ich etwa auch so aus wie ein Engländer oder gar Schotte?

    Muss grad mal zum Spiegel laufen……

  8. Pronto_Intervento schrieb am 23. November 2007:

    So sehr ich mit Ihnen übereinstimme, was das deutsche Italien-Syndrom angeht, so wenig verstehe ich Ihre Analyse der Causa Frings, die ich jetzt nachträglich gelesen habe.

    Da geht ein Spieler ohne jede Not über den Platz, um sich in eine bereits bestehendes „Rudel“ von Streithähnen einzumischen und hat seine Faust im Gesicht des Gegners. Wie doll, spielt doch überhaupt keine Rolle, zumal schon ein angedeuteter Schlag eine Tätlichkeit ist, wie wir alle wissen.

    Auszug FIFA-Disziplinarreglement, Titel „Raufhandel“, Artikel 49:

    War das, was wir da auf youtube noch einmal sehen, ein Raufhandel? Hätte Frings folglich für mindestens sechs Spiele gesperrt werden müssen? Völlig unabhängig von den Strafen für die Argentinier? Ja oder nein?

    Meine Interpretation: Aus Rücksicht auf die deutschen Gastgeber und die ebenfalls einflussreiche, große Fußball-Nation Argentinien wurde beiderseits zu Mini-Strafen gegriffen. Das hätte man kritisieren können als undurchsichtig. Aus deutscher Sicht aber der Meinung zu sein, Frings hätte nicht bestraft werden sollen, halt ich auch knapp 18 Monate noch für einen Hohn, auf den man nur mit drei schwarz-rot-goldenen Brillen auf der Nase kommen kann.

    Im Ãœbrigen: Totti 2004 ist ein schönes Beispiel für nachträglich aufgenommene Ermittlungen aufgrund dänischer Fernsehbilder, zwei oder drei Tage nach dem Spiel. Na und? Jemand ernsthaft der Meinung, er hätte nicht gesperrt werden sollen? Die ital. Medien waren da übrigens sehr kritisch ihm gegenüber und haben keinesfalls pauschal über „dänischen Petzen“ gemault, wie anno 2006 hierzulande.

    Auch im Fall Frings hatten die ital. Medien mit Ihrer Wahrnehmung Recht: Die Deutschen spielen sich gerne als Gralshüter von Fairness und Sportsgeist auf, aber wenn man sie bei Regelbruch und Unfairness erwischt, erwarten sie Straffreiheit. Gar nicht so weit weg von der klassischen italienischen Sicht auf Gesetzgebung: „Fatta la legge, trovato l’inganno!“ (Gesetz gemacht, Umgehung gefunden).

  9. Oliver Fritsch schrieb am 23. November 2007:

    Ich sehe das genau umgekehrt: Die Provokationen gingen eindeutig von den Argentiniern aus (die übrigens großteils bei italienischen Klubs spielen). Der Stubser von Frings war so harmlos, wie’s nur geht.

    Ich bin aber auch der Meinung, dass man die Sperre den Italienern nicht vorwerfen kann, sondern, wenn jemandem, dann der Fifa.

    Die Urteile gegen die Kung-Fu-Argentinier glichen im übrigen Freisprüchen.

  10. Johannes_Hansknecht schrieb am 23. November 2007:

    Ein treffender Beitrag. Damit ist alles gesagt. Noch eine Anmerkung: Es ist faszinierend, nachgeradezu unfassbar, welche Widersprüche der italienische Fußball in sich birgt.

  11. Pronto_Intervento schrieb am 23. November 2007:

    „Ich sehe das genau umgekehrt: Die Provokationen gingen eindeutig von den Argentiniern aus…“

    Naaajaaa, und das Finger-auf-Lippen-Legen von Borowski nach seinem Elfer (Sehr „passend“ übrigens mit knapp 70.000 eigenen Fans im Rücken…) würde in den meisten Ländern und Kulturkreisen der Welt wohl als völlig faire Geste der absoluten Sportlichkeit ausgelegt werden…? Oder doch eher als eindeutige Provokation? Rechtfertigt natürlich weder die Reaktion der Albiceleste noch die milden Urteile, aber von den harmlosen deutschen Häschen-Opfern, die überhaupt nicht provoziert haben, kann doch bei neutraler Betrachtung wirklich keine Rede sein.

    (die übrigens großteils bei italienischen Klubs spielen).
    Und was hat das jetzt wieder damit zu tun…?

    Die Urteile gegen die Kung-Fu-Argentinier glichen im übrigen Freisprüchen.

    Richtig, eindeutig. Aber darum geht’s doch gar nicht, oder? Entweder Frings hat sich an dem beteiligt, was die FIFA da Raufhandel nennt oder nicht. Was die anderen gemacht haben, spielt doch gar keine Rolle. Wenn Du wegen ’ner Kneipenschlägerei vor Gericht stehst, kannst Du doch auch nicht argumentieren, die anderen hätten aber noch viel doller zugeschlagen, oder?

  12. Oliver Fritsch schrieb am 24. November 2007:

    Was Borowski gemacht hat, kann man unschön finden oder unfair. Aber solche Adrenalin-Gesten sind im Sport nun (leider?) üblich. Gelbe Karten gibts dafür normalerweise nicht.

    Ich halte es schon für einen großen Unterschied, ob jemand eine Rauferei anzettelt oder ob ein Spieler einem anderen das Kinn berührt, nachdem er gesehen hat, dass seine Kollegen gerade wie mit Äxten gefällt worden sind.

    Jedenfalls werden Cruz und Co von ihren Klubs in der Serie A anders empfangen worden sein als der Südkoreaner Ahn vier Jahre zuvor.

    Außerdem: Äußerst dubios war das Zustandekommen der Sperre. Vermutlich wollte die Fifa nicht (wieder) in der Verdacht geraten, den Gastgeber zu bevorteilen.

  13. Pronto_Intervento schrieb am 24. November 2007:

    Hab nochmal geantwortet, ist aber leider im Spam-Filter gelandet.

  14. www.direkter-freistoss.de » Bravissimo, Cannarozzi! schrieb am 1. März 2008:

    […] ein weiterer Baustein, um die deutsche Auffassung von Italiens Fußball zu […]

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