Bremer Begleitschutz für Hamburger Revanche
von Oliver Fritsch
Der HSV überrascht mit einer klaren Steigerung gegenüber der Vorwoche und revanchiert sich dank eines technisch anspruchsvollen Kopfballtors Piotr Trochwoskis für die schmerzende Niederlage im Pokal. Mit einem Sieg in Bremen haben die Experten nicht gerechnet. Die erste Halbzeit ging an die Gäste, Mitte der zweiten Halbzeit war der HSV zwei, drei Mal dem 0:2 nahe. In der Schlussphase musste er wieder mal in den roten Bereich. Da hat nicht viel zum Ausgleich gefehlt, auch ging er am Rande eines Elfmeters spazieren. Aber davon bekam der HSV in jüngster Zeit ja genug.
Bremen verteidigte nachlässig, „Begleitschutz“ nennt das Thomas Schaaf. Offenbar hatte sich der Schlendrian wieder in die Mannschaft geschlichen. Wie fahrlässig die Bremer linke Seite (Özil und Bönisch) beim Gegentor verteidigt hat! Unterzahl auf dem Flügel bei einem eher langsamen HSV-Angriff. Überhaupt, dass Bönisch Bundesliga spielt, finde ich, sagen wir, erstaunlich. Man sieht nicht mal, ob er Links- oder Rechtsfuß ist. Null Ballgefühl. Der Bremer Sturmlauf kam zu spät und war zu ungenau. Zur Not rettete Frank Rost.
Der HSV mag nun Favorit sein, aber allenfalls leicht. Zumal Martin Jol auf Guerrero verzichten müssen wird, der gelbgesperrt ist. Hab ich schon mal gesagt, dass ich Gelbsperren schlecht finde? In der Liga lasse ich es mir noch gefallen, aber in K.o.-Systemen ist es überflüssig. Man stelle sich vor, man verpasst ein WM-Finale wegen einer Gelbsperre. Stichwort Überregulierung. Weil Petric wohl noch verletzt ist, bleibt nur noch Olic als einzige Spitze. Aber vielleicht zaubert er ja noch eine aus seinem holländischen Hut. Ich werde im Stadion sein.
Gerade vorhin auf dem Fußweg nach Hause über die TV-Werbung (Bier) mit Waldemar Hartmann aufgeregt. Ohne Anlass, einfach so. Aber nicht ohne Grund, nicht ohne Gründe, zwei, um genau zu sein: Erstens macht ein Journalist keine Werbung. Zweites nicht mit jemandem (Hoeneß), über den er berichtet. Und drittens schon gar nicht, wenn er von der ARD bezahlt wird. Das muss ein Ende haben! Auch wenn es müßig scheint und man es schon hundert Mal gesagt hat – das darf man nicht hinnehmen.
Moderator auf Sat.1 war gestern Erich Laaser. Laaser ist Präsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Was sagt er eigentlich zu dem Thema Journalisten und Werbung?
Das komplette Live-Blog auf Zeit Online
Schmerzende Hamburger Niederlage gegen Bremer Diebe
von Oliver Fritsch
Durch die knappste aller Entscheidungen im Fußball, das Elfmeterschießen, unterliegt der HSV gegen Werder Bremen im DFB-Pokalhalbfinale in einem dramatischen, allerdings nie hochwertigen Spiel. Zwar hält er noch zwei weitere Titeloptionen in der Hand, den Uefa-Pokal und die Meisterschaft. Doch fürchten die Hamburger, das Glück könnte sie in den entscheidenden Momenten dieser Saison, die bislang so glanzvoll verlaufen ist, verlassen. Und die Kraft, denn es könnte dem HSV zum Verhängnis werden, dass er mit einem kleinen Kader in allen drei Wettbewerben mitmischt. Die Mannschaft geht an ihr Limit und ab und an in den „roten Bereich“. Die 120 intensiven Minuten gegen Bremen werden zusätzlich Reserven verbraucht haben (Weiterlesen …)
Sportreporter und Abseitskenntnis – das schließt sich wohl aus
von Oliver Fritsch
Fragmente aus dem Live-Blog Man City-HSV 2:1
Endstand 2:1 Der HSV hatte in Manchester bange Minuten zu überstehen, zwischenzeitlich war seine Widerstandskraft erloschen. Ein Mal Pfosten, ein Mal Latte, einige gute und einige halbgute Torchancen für Man City – das war knapp. Andererseits gingen beiden Gegentoren Fehlentscheidungen des Schiedsrichters voraus: ein Nieundnimmer-Elfmeter und ein übersehenes Abseits. Der HSV hat in dieser Saisonphase große Probleme, über 90 Minuten zu „gehen“. Rechnet man das Hinspiel ein, ist der HSV der verdiente knappe Sieger. Jedenfalls waren es zwei sehr aufregende, intensive Spiele. Komisch, dass die Spieler heute ständig ausrutschten. Da muss der Zeugwart aber was in die Mannschaftskasse tun (Weiterlesen …)
Schwacher Gomez schiebt den VfB an die Tabellenspitze ran
von Oliver Fritsch
Notizen zum Spiel VfB-HSV 1:0
Es war kein gutes Spiel, und es war ein glückhafter Sieg für den VfB. Zwar war er gerade gegen Ende das aktivere Team, doch ihm fehlt Kombinationssicherheit und Passgenauigkeit. In erster Linie waren es Dribblings und Schüsse, richtig gute Chancen hat er nicht herausgespielt. Das reicht für die Bundesliga, doch auf internationaler Bühne muss sich Babbel etwas überlegen, da braucht er ein stimmigeres Konzept. Und so wie es aussieht, wird sich der VfB wohl mindestens für den Uefa-Pokal qualifizieren. Serdar Tasci und Matthieu Delpierre bilden zusammen mit Jens Lehmann jedoch eine sehr stabile Mitte. Tasci unterliefen zwar in der ersten Halbzeit zwei Fehler, doch sein Zweikampfgeschick hat ihn ins Notizbuch des AC Milan gebracht (Weiterlesen …)
HSV ist bereit für mindestens einen von drei Titeln
von Oliver Fritsch
Aus dem Volkspark Erneut fantastische Stimmung beim HSV. Ein toller Europapokalabend beim 3:1 gegen Manchester City, der auf das Halbfinale gegen Werder Bremen hoffen lässt (das mit demselben Ergebnis Udinese besiegt). Der frühe Rückstand in der 1. Minute hat die Hamburger zu heftigen Reaktionen herausgefordert. Innerhalb einer Viertelstunde kamen sie zu mehr als fünf guten Torchancen und setzten den Gegner früh unter Druck. Für 90 Minuten Tempo reicht das in dieser Saisonphase und mit diesem dünnen Kader natürlich nicht, weswegen man dem Team das zwischenzeitliche Luftholen nachsehen muss. Doch gerade, als man mehr Mut fordern wollte, kam der HSV zum Führungstreffer durch einen Handspenalty. Die Schlussphase brachte wieder ein deutliches Übergewicht und ein Jokertor (Weiterlesen …)
HSV-Fans verteidigen Glückssieg gegen Aufsteiger Hoffenheim
von Oliver Fritsch
Aus dem Volkspark Der HSV ist ein einiger Verein. Die größte Leistung im Duell mit Hoffenheim vollbrachten die 57.000 Zuschauer, die mit den zehn verbliebenen Spielern gemeinsam den 1:0-Glückssieg verteidigten. Ab der 85. Minute bis zum Ende der episch langen Nachspielzeit pfiffen sie den Gegner bei Ballbesitz (also eigentlich durchgehend) so laut aus, dass man es bis zum Hafen gehört haben muss. Und zwar nicht, weil sich ein Hoffenheimer eine unfaire Aktion erlaubt hätte, sondern weil sie spürten, dass ihre Mannschaft es braucht. Ihre Mannschaft schaffte es nämlich nicht mal mehr, den Ball über die Mittellinie zu schlagen, geschweige denn, einen Konter zu setzen. Abwehrschlacht. Dieses Miteinander war natürlich auch dem Wesen des Gegners geschuldet, der TSG 1899 Hoffenheim, einem Retortenklub aus Sicht eines Fans des HSV 1887. „Uns trennen mehr als nur 12 Jahre“, war vor dem Anpfiff auf einem großen Supporters-Transparent in der Kurve zu lesen (Weiterlesen …)
Ein einiger Verein – HSV besiegt Bayern 1:0
von Oliver Fritsch
Mladen Petric steht noch lange nach dem Abpfiff in der Mixed-Zone: „Das war mein bester Tag in Hamburg, so eine Stimmung wie heute gab es nicht einmal in Dortmund.“ Dieser Vergleich heißt etwas, das erfüllt auch heimischen Journalisten mit Stolz, die Petric zuhören. Hinter ihm liegt der Rückrundenbeginn, hinter ihm liegt der Sprung an die Tabellenspitze. Hinter ihm liegt ein hinreißend spannendes und gutes Spiel zwischen dem Hamburger SV und Bayern München, in dem er vor ausverkauftem Haus (57.000) zum Hauptdarsteller geworden ist: Er schoss das einzige Tor.
In der 44. Minute konnte Münchens Torwart Michael Rensing einen Weitschuss David Jarolims nur in die Strafraummitte, aber immerhin nach oben abwehren. Petric hob den steigenden Ball geistesgegenwärtig per Kopf über Rensing hinweg. Ein anspruchsvoller Treffer, denn er konnte den Ball nur durch einen sehr hohen Seitwärtssprung erreichen und nur durch extreme Bogenspannung im Oberkörper so viel Fahrt mitgeben, um ihn ins gut zehn Meter entfernte Ziel zu schicken. Dass Petric ein perfektes Kopfball-Timing hat, bewies er oft im Hamburger Strafraum, den er bei Freistößen und Eckbällen des Gegners bewachen muss. Einige Male konnte er die Hereingaben Bastian Schweinsteigers entschärfen. Das macht Stürmer besonders wertvoll.
Doch wer konnte damit rechnen, dass kein Tor mehr fallen würde? Und wer kann es im Nachhinein erklären? Schließlich ließen beide Teams nach sechs Wochen Winterpause keinen Zweifel an ihrem Tatendrang. Die Hamburger begannen mutig und stark, sie wollten beweisen, dass Hamburg nicht Stuttgart ist, das die Bayern vor drei Tagen zerfleddert hatten (5:1). Und wonach Fußballdeutschland wie üblich fragte: Wer kann diese Bayern bremsen?
Bereits zu Beginn näherten sich beide Mannschaften den Toren des Gegners gefährlich. Bastian Schweinsteiger löffelte eine Flanke Christian Lells über das Tor (3.), wofür er sich nachher von Trainer Jürgen Klinsmann rüffeln lassen musste. In der 6. Minute endete ein Versuch Piotr Trochowskis am Pfosten. Der HSV setzte die Bayern-Abwehr unter großen Druck.
Strafraumszenen gab es für drei Spiele. Dem Feld durfte man keinen Augenblick den Rücken zudrehen – abgesehen von einer Phase Mitte der ersten Halbzeit, als die Bayern das Hamburger Tempo aus dem Spiel nahmen und Schiedsrichter Knut Kircher viel zu oft ein Foul erkannte. Am folgenschwersten, als er vor Luca Tonis Tor (29.) einen Regelverstoß gesehen haben wollte. Als einziger im Stadion neben seinem Assistenten. Selbst in der kurzen Phase zwischen Tor und Halbzeitpfiff, als Fans und Stadionsprecher noch skandierten, schossen die Bayern zwei Mal aufs Tor.
In der zweiten Halbzeit flogen die Hamburger Schutzengel Überstunden. So viele gute Chancen für die Bayern! Miroslav Kloses Kopfball (55.) sahen einige hinter der Torlinie; sein abgefälschter Stoß fiel aufs statt ins Netz (66.); Toni nickte einen leichten Ball, eigentlich ein sicheres Tor, aus kurzer Distanz daneben (69.); einen Kullerer des eingewechselten Tim Borowski schaute Tormann Frank Rost um Zentimeter am Pfosten vorbei (80.); und als Klose zwar Rost überwand, aber Jérome Boateng auf der Linie im Weg stand (83.), war klar: Das HSV-Tor ist an diesem Abend versiegelt. Auch die Nachspielzeit, in der man gegen Bayern in Hamburg seit 2001 die Luft anhält, verstrich. Fast hätte sich noch Rensing bei einem Eckball die Gelegenheit geboten, den Ausgleich zu erzielen. Aber irgendetwas und irgendwer verhinderten es irgendwie im letzten Moment.
Auch Hamburg stürmte ständig, auch bei Führung: Petric‘ Kopie des Morlock-Tors von Bern 54 unterschied sich vom Original durch den Pfosten (46.) als Ende, Trochowski und Paolo Guerrero fürchteten durch Rensing wenig Widerstand – so oft und aus so ungünstigen Positionen schossen sie aufs Bayern-Tor. Und das alles ohne den gesperrten Ivica Olic. Allerdings sollten die Hamburger Überzahlkonter üben, wie auch Trainer Martin Jol gesteht: „Damit bin ich unzufrieden.“
Nach dem Spiel bewahren die Bayern Größe und machen die unerwartete Niederlage nicht am Schiedsrichter fest. Vorstand Karl-Heinz Rummenigge kann nicht ausschließen, dass das Erlebnis Stuttgart manchem Spieler den Kopf verdreht hat. Jürgen Klinsmann, der sich dieser These anschließt, ärgert sich über Unkonzentriertheiten in den ersten 30 Minuten. Manager Uli Hoeneß soll zwar Schiedsrichter Kircher in der Kabine aufgesucht haben, doch es sei „nicht emotional zugegangen“ (Kircher). Ihre Besten waren Philipp Lahm und, der 69. Minute zum Trotz, Luca Toni. Für Hamburg (neben Petric) Trochowski und Jarolim, der sich Fleißkärtchen verdiente.
Der HSV kann auf eine aufregende Woche zurückschauen: Erst die Mitgliederversammlung am Sonntag, deren Wahlergebnis dem Klub Ruhe gibt. Dann der Einzug ins Pokalviertelfinale gegen 1860 München am Dienstag. Nun der Sieg gegen die Bayern, vorübergehend Platz 1 und das Verdienst, allen gezeigt zu haben, wie spannend die Bundesliga werden kann.
Eine weitere wichtige Erkenntnis: Der Support der Fans hat nicht darunter gelitten, dass ihr Vorsänger die Aufsichtsratswahl verloren hat. Petric hatte mit nichts anderem gerechnet: „Die Fans stehen hinter uns, sie machen uns stark, das wussten wir.“ Der HSV, zurzeit ein einiger Verein.
Wer muss schon um acht ins Bett? Benny Lauth!
von Oliver Fritsch
Kurzer Bericht vom Pokalachtelfinale HSV-1860 3:1
Manche Fernsehreporter brauchen fünf Zeitlupen und zwei digitale Hilfslinien, um Abseits zu erkennen. Den Schreibenden geht es offensichtlich ähnlich. In der Pause fragte ein Kollege einen anderen: „Manche sagen, dass es Abseits gewesen sein soll. Was meinst denn Du?“ Ivica „Scheitel“ Olic stand beim 1:0 für den Hamburger SV derart deutlich im Abseits, dass man es ihm eigentlich als Frechheit auslegen muss, weiterzuspielen. Doch es war natürlich die richtige Entscheidung des Stürmers, denn Abseits ist, wenn (Weiterlesen …)
Aufstand in Hamburg ausgefallen, freies Geleit für Hoffmann
von Oliver Fritsch
Der Aufstand ist ausgefallen. Der Aufstand, von dem die Aufständischen behaupteten, dass es gar keiner werden sollte. Was ihnen aber viele nicht abnahmen, auf deren Unterstützung sie angewiesen waren. Von den vier Suppoters, die für den Aufsichtsrat des Hamburger SV kandidierten, hat kein einziger die notwendigen Stimmen erhalten. Nicht der beliebte Vorsänger aus der Kurve Johannes Liebnau, nicht der argumentativ und rhetorisch starke Journalist Manfred Ertel. Ingo Thiel und Anja Stäck waren ohnehin nur Außenseiter.
Hamburg hat konservativ gewählt. Korrigiere: Hamburg hat extrem konservativ gewählt. Kontinuität statt „Change“, wie es anmaßend obamaesk auf einem Flugblatt hieß. Die neuen und zum Teil alten Aufsichtsratsmitglieder sind fast ausnahmslos Unternehmer, seriöse, aber auch meist blasse Männer.
Der große Sieger ist Bernd Hoffmann, obwohl er gar nicht zur Wahl stand. Zumindest nicht offiziell. Die Erleichterung in seinem Gesicht und die Gratulationen, die er entgegennahm, sagen jedoch: Mit dem neuen Aufsichtsrat wird seine Arbeit als Vorstandsvorsitzender nicht schwerer werden – wie das der Fall gewesen wäre, wenn er künftig seinen Kurs von Ertel und Liebnau hätte kontrollieren lassen müssen. Hinzu kommt: Hoffmann-Vorgänger und -Gegner Jürgen Hunke wurde nicht wiedergewählt. Hoffmann fiel es nach der Wahl schwer, seine Genugtuung hinter versöhnlichen Worten, adressiert an die Verlierer, zu verbergen: „Lasst uns den Verein einen!“
Gewinner ist auch der HSV. Der Verein, der es schafft, nahezu 5.000 Mitglieder zu einem fruchtbaren Sitzungsmarathon zu versammeln und sie in eine solch wichtige Entscheidung einzubinden, ist ein Unikat. Nirgendwo anders im Profifußball hat das Volk so viel Mitspracherecht. Der Souverän hat eine souveräne Entscheidung gefällt: Freie Hand für Hoffmann, unter dessen Führung der HSV zu seiner Rolle als Bundesliga-Macht zurückgefunden hat.
Verlierer sind die Supporters. Ihr Fehler war erstens, das Maß verloren zu haben. Viele Fans, die deren Engagement prinzipiell schätzen, sind der Meinung, dass die Supporters zu weit gehen wollten. Der Auftrag aus den eigenen Reihen heißt nun klar: Für die Belange der Mitglieder sollt Ihr da sein, in wirtschaftlichen, politischen und sportlichen Fragen habt Ihr nicht mitzureden!
Zweitens hat die Basis den Hoffmann-Kritikern Ertel und Liebnau ihren sanften Kurs des Wahlkampfs nicht geglaubt. Eine „Ypsilanti des HSV“, vor der ein Redner zu Beginn warnte, wollten die Mitglieder nicht erleben. Der Favorit der Fans ist Ex-Profi Sergej Barbarez. Er mag einer der coolsten Fußballer gewesen sein; zur Frage, welche Ziele er mit seiner Kandidatur verfolge, kann er jedoch nicht viel sagen. Dass er sich durchgesetzt hat und nicht der versiertere Liebnau, macht die Niederlage für die Supporters besonders bitter.
Doch vergebens war das Engagement der Supporters nicht. Sie dürfen sich gutschreiben, Hoffmann ein Versprechen abverlangt zu haben: In seiner Rede gestand er, es sei ein Fehler gewesen, 97 Euro für ein Ticket zu verlangen. „Tut mir leid, kommt nicht wieder vor.“ Hoffmann wurden Grenzen gesetzt, und er muss weiter damit leben, dass die HSVer die Frage im Hinterkopf tragen: Wie weit würde der Einzelspieler Hoffmann gehen, wenn er tun und lassen könnte, was er will?
Die offenste Kritik an Hoffmann aller Redner formulierte Christian Reichert, das im Herbst zurückgetretene ehemalige Vorstandsmitglied. Der verdiente und angesehene Supporter begründe seinen Schritt mit fehlendem Vertrauen durch Hoffmann, Reichert fühlte sich in vielen Entscheidungen übergangen und nicht als vollwertig erachtet. Doch seine Kritik verebbte, weil er sie zu einer denkbar ungünstigen Zeit vortragen musste: nach den Höhepunkten des Tages, am Ende der langen Veranstaltung.
Ob der Aufsichtsrat anders besetzt worden wäre, wenn Reichert seine Kritik vor der Wahl und damit einem aufmerksamen Publikum dargelegt hätte? Doch die Tagesordnung bestimmt nun mal mit über das Wahlergebnis – noch eine demokratische Lehre, die der HSV an diesem Tag demonstriert hat. Die Tagesordnung entsprach übrigens dem Wunsch Hoffmanns.
Stimmen, Stimmungen von der HSV-Aufsichtsratswahl
von Oliver Fritsch
Aus meinem Live-Twitter-Ticker von gestern, ein Kommentar folgt gegen heute abend
Zu Fuß im CCH angekommen, war nicht schwer zu finden, ab Planten un Blomen immer der Masse nach.
Mladen Petric mit Krawatte, umlagert von Fans, die Autogramme wollen – wie lange noch Hamburger? Lies FAZ von heute
Auftritt Hoffmann, gibt sich cool lächelnd, Remis in der Blitzlichtwertung mit Barbarez
Geht los: Durchatmen, Presse darf diesmal bleiben, vor zwei Jahren gabs Auf-Wiedersehen-Gesänge für die Kollegen
Totengedenken, Ehrung verdienter Amateursportler und Ehrenamtler – HSV, ein deutscher Verein. Von Brisanz bislang keine Spur
Von 4-5000 anwesenden Mitgliedern ist die Rede
Erster Schusswechsel mit Reaktionen aus dem Plenum: Streit um Tagesordnung, Hoffmanns erste Wortmeldung aggressiv
Geht los mit TOP Aufsichtsratswahl, Vorstellungsrunde mit zwanzig Kandidaten plus Fragerunde, ein Marathon steht bevor
Redner Pogalla, auf den sanften Supporters-Wahlkampf anspielend: „Ich hoffe, wir erleben nach der Wahl nicht die Ypsilanti des HSV!“
Mächtig Gegenwind für die Supporters durch die Redner und das Plenum / sind noch in der Phase vor der Vorstellungsrunde
Buhrufe für Supporters-Fürsprecher lassen Hoffmann 10cm wachsen, kann sich gerade noch ein Lächeln verkneifen
Hätt ich mir für heute die St.-Pauli-Cap meines Kumpels leihen sollen?
Hoffmann-Vorgänger und -Kritiker Hunke ist dran mit vorstellen, Drückerkolonnen-Charme, Hoffmann beißt sich auf die Lippen, kuckt an die Decke
Unternehmer Karan mit heiterem und ernstem Auftritt, gibt auf Nachfrage zu, Ronald Schills Wahlkampf unterstützt zu haben, dann aber von ihm enttäuscht wurde und sich abgewandt hat
Klinik-Chef Debatin, Bandow-Kandidat, stark in der Bütt, auch bei Nachfragen, sicherer Kandidat
Willi Schulz, 66 Länderspiele für den HSV, liest vom Blatt ab, bekommt Nachfragen – schwache Repliken / nun der erste Supporter: Ingo Thiel
Thiel: inhaltlich gut, aber ohne Charisma – Tendenz keine Chance
Meine Schlagzeile vom Freitag wurde vorhin ablehnend zitiert: „Machtkampf zwischen Basis und Vorstand“
Dass Katrin Sattelmairs Vater für Bild Kolumnen schreibt, wie sie auf Nachfrage einräumt, kostet ihr die letzte Wahlchance, raunendes Publikum
Barbarez, ein Favorit: „Bilanzen kann ich keine lesen, weiß aber, wie das Geschäft läuft“ / viele Sympathien für ihn, aber auch kritische Fragen zu seinem Wechsel nach Leverkusen
Barbarez hätte sich auf diese Nachfrage fast verplappert („Was will man machen, wenn man nicht mehr geliebt …?“) / Anmerkung: der aktuelle Vorstand war es ja, der ihm vor drei Jahren keine 2 Millionen mehr anbot
Will auf seinem neuen Posten die Titel nachholen, die er als Spieler für den HSV versäumt hat
Gleich Supporter Ertel vom Spiegel, neben Liebnau der brisanteste fall – Hoffmann-Gegner und Journalist, was ein Konflikt ist
Supporter Ertel (58): neben Debatin beste Rede, bester Redner, wird aber vom Plenum bearbeitet, von Hoffmann vom Hallenrand aus beäugt, der ihn ernst nimmt
Den Rollenkonflikt in der Doppelrolle Journalist/Aufsichtsrat will Ertel nicht erkennen
Ex-Stadionsprecher und Schauspieler Marek Erhardt heute nicht ganz so penetrant auf Sendung und Wirkung aus wie sonst
Jetzt Jojo Liebnau – ob er ein Hasslied auf Werder oder Hoffenheim oder gar den Aufsichtsrat anstimmt?
Guter Auftritt von Liebnau: „Aufsichtsrat braucht jugendliche Auffrischung“, kühler Applaus von
Hoffmann, Plenum scheint auf seiner Seite
Bernd Enge, aktueller Aufsichtsrat und letzter Redner: „Die Ersatzspieler haben wir für 5 millionen an Werder Bremen verkauft.“
Wahl, Pause für mich, Tipps: Liebnau, Barbarez, Hunke, Enge, Horst Becker, Otto, Debatin, Wulff
2 Euro für nen Schluck Cola auf der Mitgliederversammlung – wie weit wollen sie an dieser Schraube drehen, Herr Hoffmann?
Kurzer Plausch mit Ertel, rechnet sich und Supporters wenig Chancen aus, ist enttäuscht über Angriffe und Unterstellungen des Plenums gegen ihn
HSV wählt konservativ, korrigiere: extrem konservativ: Horst Becker, Otto, Debatin, Karan, Wulff, Enge stehen fest – kein Supporter gewählt! Hunke als 12. raus
Wahlgang 2: Barbarez und Peter Becker, der letzte Bandow-Kandidat drin, Liebnau raus – Überraschung, Hoffmann großer Sieger
Starker Wirtschaftsflügel im neuen Aufsichtsrat / viele blasse Typen
Hoffmann versucht, seine Genugtuung zu verbergen: „Supporters machen tolle Arbeit, lasst uns wieder eine Einheit werden!“
Hoffmann: „Ich bin stolz, dieser Gemeinschaft vorzustehen, es ist eine tolle Vereinsdemokratie“ – gönnerhafte Siegerrhetorik
Versöhnliche Adresse an die Supporters: „Es gab Beulen im Wahlkampf. Lasst uns wieder eine Einheit werden!“
Supporters-Chef Bednarek: „Wenigstens ein Teilziel erreicht: der Aufsichtsrat ist neu besetzt“ – Verliererrhetorik
Zur Erinnerung, Herr Bednarek: Horst Becker, aktueller Aufsichtsratsvorsitzende, bekam die meisten Stimmen, etwa 75 Prozent
Liebnau: „Enttäuschung ja, aber eine demokratische Wahl ist zu akzeptieren. Immerhin haben wir erreicht, den Dialog zu entfachen.“
Dass Hoffmann auf offener Bühne ankündigt, keine 97 Euro mehr für ein Ticket zu verlangen, schreibt Liebnau den Supporters gut – und schiebt süffisant nach: „Wenn Hoffmann sich dran hält“
Hoffmann: „97 Euro gegen Werder war ein Fehler, tut mir leid, kommt nicht wieder vor.“
Ex-Vorstand Reichert begründet seinen Rücktritt im September 08 mit „fehlendem Vertrauen“ durch Hoffmann
Reichert: „Lieber Bernd, ohne ein Minimum an gegenseitigem Vertrauen wird es nicht funktionieren, den Verein zu einen.“
Reicherts Kritik kommt zu spät, die Messen sind gesungen, die Leute, wenn sie nicht schon weg sind, müde
Diskussion über Tagesordnung: Hinter den Kulissen ist von einem „Skandal“ die Rede, dass vor dem Bericht des Vorstands gewählt wurde
Die größte Mitgliederversammlung aller Zeiten ist zu Ende, der Saal fast leer, die Revolte ausgefallen
Schlechte Zeiten für eine Wende: Platz 4, gute Bilanzen, Stadion ist immer voll.
Zeit für den Heimweg nach St. Pauli
Ertel in den Tagesthemen: „Ein stromlinienförmiger Aufsichtsrat. Alles ehrenwerte Menschen, aber zu viele von der gleichen Sorte.“
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