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Oliver Fritsch Neid, die alte Leier

von Oliver Fritsch

Die Liebe zu einem Fußballverein muss man nicht begründen, jeder darf mögen, wen er will. Erklärungen in diesen Fragen haben zudem meist etwas Vergebliches und Hölzernes. Helmut Markwort, der Chefredakteur des Focus, hat nun in der FAS dem Versuch nicht widerstehen können, seine Gunst zum FC Bayern faktenreich zu definieren.

Zum ersten: Bayerns Jugendarbeit, ein „Segen für den deutschen Fußball“. Doch das Argument, dass „andere Vereine schon von Spielern profitiert haben, die in den Junior-Teams von Bayern München sorgfältig ausgebildet worden sind“, könnte man auch umkehren: Warum, wenn ihre Jungen so gut ist, werben die Bayern dann der Konkurrenz immer van Buyten und Co, also die besten „Alten“, ab? Und wo noch mal hat Philipp Lahm den Durchbruch geschafft?

Zum zweiten: die hochmoralische Treue des Vereins zu den ehemaligen Größen Pflügler, Aumann, Breitner und Co. „In diesem guten Geist des Vereins liegt ein Geheimnis der Stärke und Verbundenheit“, schreibt Markwort. Mal abgesehen davon, ob das wirklich ein Erfolgsrezept ist – denken wir doch mal, die Moral im Hinterkopf, an Sepp Maier, den ehemaligen Bundestorwarttrainer, seine Lobbyarbeit für Oliver Kahn und einen seiner schlimmen Sätze: „Der Lehmann kann sich aufhängen.“ Stimmt, das ist Moral, und zwar eine besondere Form: Doppelmoral. Nach innen kuscheln, nach außen beißen.

Zum dritten: das kluge Management. Klar, die Bayern haben den besten Vereinstrainer Deutschlands, an den Ex-Dortmunder Ottmar Hitzfeld kommt so schnell kein Konkurrent heran. Nur, zwischenzeitlich hatten das die klugen Bayern, die Hitzfeld nun auf Knien zu einer Vertragsverlängerung bewegt haben, wohl vergessen. Was uns im Moment als erfolgreiche Strategie verkauft werden soll, ist nichts anderes als das Glück, dass Hitzfeld viele Eigenschaften vereint: Fachwissen, pädagogisches Geschick, Intellekt, Seriosität; Stolz allerdings nicht, sonst würde er sich nicht von denjenigen umarmen lassen, die ihm vor drei Jahren ihre Rücken zuwandten. Hitzfelds gelungene Rückkehr, das betont er, erkläre sich auch durch Anleihen bei Jürgen Klinsmann – also bei demjenigen, den (nicht nur, aber auch) Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer eine Zeitlang kräftig ans Schienbein traten.

Und einen Superlativ haben Sie vergessen, Herr Markwort: Es gibt keinen Verein, deren Offiziellen sich in Sachen Vereinspolitik und Transferplanung so oft widersprechen, revidieren, irren. Was müssten sich, sagen wir die Schalker, anhören, wenn Mirko Slomka heute, sagen wir van der Vaart, als Spieler ohne Format bezeichnen und Andreas Müller morgen das starke Interesse an dem Holländer bekunden würde? Den Bayern lassen Boulevard und Stammtisch ein solches Hin und Her, Rein und Raus, durchgehen.

Doch was abstößt an Markworts Dekret sind nicht solche Standpunkte, über die man ja geteilter Meinung sein kann. Was abstößt, ist der Stolz, mit dem er zu Werke geht. In jedem Absatz verbucht er den vermeintlichen Neid der Bayern-Gegner und -Kritiker als „die höchste deutsche Form der Anerkennung“ – die alte Leier. Das sind die Holzhämmer aus dem Werkzeugkasten des Sabine-Christiansen-Deutschlands. Über ein Zuwenig an geistiger Schlichtheit dieses Polit-Talkshow-Diskurses kann man sich wirklich nicht beklagen.

Sind Kritiker immer Neider? Es gibt im deutschen Sport genügend Gegenbeispiele, Stars, die reich und berühmt geworden sind, ohne dass ihnen ein Übermaß an Ablehnung entgegenschlägt: Nowitzki, Graf, Becker, Langer, die Nationalelf. Da, wo es Abneigung gibt, wie etwa gegenüber Michael Schumacher, gibt es immer Gründe. Das gilt auch für den FC Bayern. Was viele an den Bayern stört, ist ja nicht der unbestrittene dauerhafte Erfolg, sondern ihre Medienmacht, ihr Gutmenschentum, ihre Versuche, auf Schiedsrichter und Verbandsleute Druck auszuüben, ihre großen Klappe … Nein, Herr Markwort, Neid ist nicht die höchste deutsche Form der Anerkennung. Den letzten Sommer etwa schon vergessen?

Wenn die Bayern jedenfalls um etwas nicht zu beneiden sind, dann um solche Herzensbekenntnisse aus dem Fan-Block „Feist & Dreist“ (Volk ohne Raumdeckung). Welch ein Bärendienst! Aber wenigstens haben die Skeptiker jetzt immer einen Bayern-Fan, einen Repräsentanten, vor Augen.

Den gönnen wir Euch!

#9 meiner Kolumne auf rund-magazin.de

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5 Kommentare

  1. Ylem schrieb am 19. März 2007:

    Sehr schöner Artikel.

    Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

    beste Grüße

  2. Tatikguru schrieb am 20. März 2007:

    Hervorragender Artikel!

    Tja, der Fußball ist bis zu einem gewissen Grade eben auch ein Spiegelbild der Gesellschaft aus der er hervorgeht. Im deutschen Fußball spiegeln sich u.a. sowohl die Versäumnisse in der Bildungspolitik ( im Fußball: Talentemangel in den 90ern ) alsauch der Größenwahn der “New Econcomy” ( im Fußball: “Kirch-Krise”, “Globalplayer BVB” )

    Nun will der Markwort mit “Sozialneid” bzw. “Neiddebatte” noch die Kampfbegriffe der “Besserverdiener” in den Fußball einführen. Schön, dass Oliver Fritsch ihm das nicht so einfach macht wie z.B. Labberqueen Christiansen.

    Daher sollte der Marktwort mit mindestens 100 Euro das “DSF-Phrasenschwein” füttern!

  3. Fritten, Fussball & Bier schrieb am 24. März 2007:

    Fussball-Blog Wochenschau KW 12…

    Ihr habt Euch sicher schon gefragt, wo diese Woche die Wochenschau bleibt?!? Wir auch…manchmal ist eine Woche einfach so ereignisreich, dass man sich gar keine Gedanken um die Wochenschau macht! Aber keine Sorge, jetzt ist sie ja da, zwar mit…

  4. Ylem schrieb am 28. März 2007:

    Zum “General” Hitzfeld (aka Old Potato Nose)

    Weiß jemand, wie die Bayern ihn dazu bewegen konnte ihre Trümmerelf wieder zu domptieren?

    Vermutlich hat man ihm eine gutsortierte Auswahl brasilianischer “Models” zur Verfügung gestellt. Anforderung per Standleitung.

  5. Wie immer | Volk ohne Raumdeckung schrieb am 16. Januar 2009:

    [...] http://www.direkter-freistoss.de 18.03.2007 [...]

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