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Oliver Fritsch Wie Revolution und Evolution

von Oliver Fritsch

Gerade anderthalb Jahre ist es her, dass ein Kollege auf der Pressekonferenz nach der heftigen 1:4-Niederlage in Italien drei Monate vor der WM in Deutschland dem damaligen Nationaltrainer Jürgen Klinsmann die Idee mit auf den Weg gab, das Abwehrsystem zu ändern: „Warum nicht wieder mit einem Libero spielen?!“ Er fügte an: „Es ist ja nicht so, dass ich keine Ahnung hätte, ich hab ein Sportdiplom.“ Bekanntlich hat Klinsmann, sicher nach reichlicher Erwägung, diesen gut gemeinten Rat aus dem Fußballholozän verworfen.

Inzwischen, rund zwanzig, zum Teil erhabene, zum Teil berauschende, Siege und ein Sommermärchen später, hat sich die Nationalelf vom Sorgenkind zum Musterschüler gewandelt. Ihr Stil, ihr Spiel, ihre Trainingsmethoden, ihre Erziehung – sie ist das Leitbild für den deutschen Vereinsfußball. Fast ohne Widerspruch, aus der Bundesliga sind immer seltener Neururerismen à la „das haben wir schon vor dreißig Jahren so gemacht“ zu vernehmen.

Der kluge, in Fußballmaßstäben sehr kluge, Joachim Löw wird heute bestaunt und bewundert. Und es stimmt ja: Das sieht gut und souverän aus, was Schweinsteiger, Klose und Hitzlsperger da machen; Deutschland wird als Mitfavorit zur EM reisen. Doch an dieser Entwicklung ist auch Löws Vorgänger beteiligt. Klinsmann hat den entgleisten deutschen Fußball mit seinem Sturm und Drang zurück auf die Schiene gehievt – eine große, herkulische Leistung, für die er sich in seiner Amtszeit mehrfach ans Schienbein treten lassen musste und die ihm die Fachwelt heute nicht genug dankt. Jüngst musste er sich (und übrigens auch Löw) von der FR nachsagen lassen, dass er für die WM „Raubbau am Kräftereservoir vieler Spieler betrieben“ habe. Als ob er nicht durch seine Fitness-Methoden manche Spieler, etwa Bernd Schneider, auf ein besseres Niveau gehoben hätte.

Auch an der Basis wird Klinsmanns Werk nicht gänzlich gewürdigt. Neulich sprach ich nach einem Kreisligaspiel am Bierpils mit einem Bekannten, es war der Präsident des Gegners, über dies und jenes. Er, übrigens im Trikot einer argentinischen Klubmannschaft erschienen, erzählte, dass er dem Autoren eines Fußballbuchs, in dem die fünfzig besten Trainer aller Zeiten portraitiert sind, einen Brief geschrieben habe, um sich zu beschweren, dass Klinsmann darin aufgenommen ist und andere Carlos Bilardo, der argentinischen Weltmeistertrainer von 1986, beispielsweise nicht. „Ein dritter Platz bei einer Heim-WM ist ordentlich, mehr nicht!“, begründete er, mir zuprostend, seine Klage. Mal abgesehen davon, dass es für Klinsmann vielleicht zum ersten Platz gereicht hätte, wenn ihm die Fifa (oder waren es die Italiener, die Argentinier, gar alle drei?) im Halbfinale gegen Italien nicht Torsten Frings genommen hätte – ich war gerne dazu bereit, mich mehrere Schoppen lang mit ihm darüber zu streiten, dass seine Definition von Trainer zu eng sei. Warum soll man einen Trainer nicht mal daran messen, was er erstens „politisch“ bewirkt – Stichwort Leitbild – und zweitens was er seinem Nachfolger hinterlässt? Löw nämlich ein sicheres Fundament und die Möglichkeit, mit amerikanischen Fitnesstrainern, einem Psychologen und einem Experten aus der Schweiz zusammenzuarbeiten, ohne dass die Patrioten vom Stammtisch hsyterische Schreianfälle bekommen.

Doch das Trainer-Bild in Deutschland wandelt sich langsam – dank Klinsmann und Löw, die sich zueinander verhalten wie Revolution und Evolution. Gefragt ist nun weniger der Zampano an der Seitenlinie, sondern der smarte Pädagoge, der seine Spieler ganzheitlich erzieht. Ich weiß auch nicht, warum ich dabei an Lothar Matthäus denke, über den das Fußballmagazin „11 Freunde“ in seiner aktuellen Ausgabe eine selten belanglose Story geschrieben hat, in der es versucht, zu beantworten, warum Matthäus keinen Trainer-Job in der Bundesliga findet: dass er sich von seinem Mentor Franz Beckenbauer, der ihn gerne irgendwo unterbringen möchte, lossagen solle, raten ihm die Autoren. Das mag sein, doch entscheidende ist: weil ein Trainer solcher Sorte nicht mehr gebraucht wird. Überall, wo er gearbeitet hat, verursachte Matthäus nur kurze Zeit Erfolg; nie hat er eine Entwicklung in Gang gesetzt, die sein Ende überdauerte; viele seiner ehemaligen Spieler und Vorgesetzten rufen ihm „bleib da, wo Du bist!“ hinterher.

Erst die Geschichte wird Klinsmann seinen verdienten Platz zuweisen. Zur Erinnerung: Löw ist Klinsmanns Wahl. Nicht auszudenken, der DFB hätte bei der Wahl des Bundestrainers auf Kaiser Franz gehört!

#2 meiner Kolumne auf stern.de

8 Kommentare

  1. onkelheini schrieb am 15. September 2007:

    Strukturell haben sowohl Klinsmann als auch Löw lange überfällige Reformen im DFB durchgedrückt. Auch Bierhoff hat hier eine entscheidene Rolle gespielt. Für die Nationalmannschaft waren sie durchweg positiv, allerdings sind die Erfolge bisher nur auf der Beliebsheitsskala meßbar. Entscheidend ist auf dem Platz.
    Wir wissen alle, was gute Qualifikationen zählen. Fragt mal die Spanier. Und wer erinnert sich noch an Jupp Derwall, Europameister von 1980, in 23 Länderspielen hintereinander ungeschlagen nach Amtsantritt, der im Endpspiel damals den jungen Bernd Schuster auflaufen ließ, keinen einfachen Charakter wie man heute weiß. Auch damals spielte die Nationalmannschaft sehr berauschend.
    Im übrigen hatte Klinsmann bei der WM den sportlichen Titel zum Ziel gesetzt. Weltmeister der Herzen sind wir geworden. Sportlich haben wir gegen die wirklich “Großen” im Weltfussball, Argentinien und Italien auch da nur teilweise überzeugt. Selbst mit Torsten Frings wär das gegen Italien nicht leichter geworden.
    Auch Löw hat noch nichts gewonnen und große Trainer werden gerade in Deutschland aufgrund der ruhmreichen Vergangenheit an Titeln gemessen und nicht an schönen Spielen. Des weiteren haben wir eine sehr leichte Qualigruppe, die wir zugegebener Maße nach Belieben beherrschen.
    Die Euro nächstes Jahr wird der wirkliche Gradmesser. Selbst bei günstiger Auslosung wird die Vorrunde bei weitem schwieriger als das bessere Aufwärmprogramm aus dem letzten Jahr. Wenn die Mannschaft dort das Halbfinale erreicht, gehören wir wieder endgültig zum Kreis der Top-Teams. Das ist ein realistisches Ziel, schließlich sind wir die letzten beiden Male in der Vorrunde kläglich gescheitert.

  2. gmachata schrieb am 17. September 2007:

    Ist die Verschwörungstheorie FIFA vs. Frings ein Scherz? Mich beschleicht ein wenig das Gefühl einer Klinsmannschen Heldenverehrung. Klar war ein der richtige Mann zur richtigen Zeit auf dem richtigen Stuhl. Aber einen Trainer mit 2 Arbeitsjahren auf dem Buckel, ohne jeglichen nationalen oder internationalen Titel, unter die 50 besten aller Zeit einzurechnen kommt mir doch ein wenig voreilig vor. Irgendwie typisch für unsere Medien, entweder Lichtgestalt oder Volldepp. Und natürlich hat die FR recht. Anfang letzter Saison waren die Spieler wegen der WM körperlich fertig. Hätten Klinsmann und Löw die Spieler vor und während der WM nicht so rangenommen, wären sie köperlich und geistig fitter gewesen. Weil wir nach der Vorrunde rausgeflogen wären. Aber das wäre einigen Vereinstrainern mit Sicherheit ganz recht gewesen. Denn für die meisten Trainer gilt: Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.

  3. Oliver Fritsch schrieb am 17. September 2007:

    Dass Spieler nach einer WM für eine gewisse Zeit an Form verlieren, ist nichts neues. Und auch nichts deutsches. Das muss nicht mal mit Fitness zu tun haben.

    Ein typisches FR-Zitat: defätistisch und unbedacht.

  4. Petrocelligall schrieb am 17. September 2007:

    Man möge sich bitte zurückerinnern. Was haben wir für gräßliche Spiele der Deutschen Nationalelf ertragen, anschauen und aushalten müssen. Nicht erst ende der 90er, teilweise schon in den 80ern. Man konnte doch nie sicher sein, ob nicht wieder eine teutonische Blutgrätsche/Torwart zuschlägt, wir uns mit Dieter-Hoenes-Gedächtnisflanken aus dem Halbfeld oder mit Stochfehlern begnügen müssen. Mir tat der Klinsi, dem der Ball beim Annehmen manchmal verdammt weit wegsprang leid, als er den Job annahm. Auch bei Löw war ich mir aus der Stuttgarter Zeit nicht sicher, ob er sich gegen das DFB Establishment behaupten kann. Das gilt auch für Bierhoff. Das steigerte sich nach den Spielen und hatte seinen Höhepunkt im viel zitierten 1:4 gegen Italien. Wie er den “Stiefel” weiterkicken ließ und ein Tor ums andere fiel. Es war furchtbar, ich mußte wegzappen, weil ich diese Demontage nicht länger aushielt. Ich dachte jetzt schmeißt Klinsmann hin. Dann die WM. Wenn einer mit diesen jungen, unverbrauchten Spielern so eine WM spielen (lassen) kann, hat er nichts, gar nichts falsch gemacht. Er hat mir die Freude am Fußball wieder gegeben, auch wenn das jetzt pathetisch klingt: eine kopernikanische Wende. Offensichtlich auch den Spielern. Das ist das eigentliche Sommermärchen. Wir, die Zuschauer, haben seinen Steilpass doch nur aufgenommen und uns tierisch gefreut. Ein dritter Platz aus dem Nichts! Ich bin froh über seinen Erfolg, obwohl er Mitte der 80er auf dem Tübinger Marktplatz meiner Freundin schöne Augen gemacht hat. Wo würden wir heute stehen, wenn er nicht den Karren aus dem Dreck gezogen hätte. Endlich wieder guten Fußball gucken und nicht darauf warten müssen, daß “wir” ausscheiden, um sich entspannen zu können. Das Schlimme waren doch nicht die Niederlagen, sondern wie sie zustande gekommen sind. Man möge sich daran erinnern, schweigen und genießen.

  5. Oliver Fritsch schrieb am 17. September 2007:

    @gmachta: Außerdem muss ich den Vorwurf der angeblichen (und angeblich typisch deutschen) Heldenverehrung zurückweisen, die Klinsmann, zuteil werde. Mein Anliegen ist es, gerade im Gegenteil, zu zeigen, dass sein Anteil an dem momentanen Zustand der deutschen Elf nicht gebührend berücksichtigt wird.

    Und nochmal: Klar, wenn man Trainer nur an der Zahl der Titel misst und an der Berufserfahrung, dann ist er geradezu ein Anfänger. Doch diese Kriterienwahl finde ich, das zeigt der Fall Klinsmann, zu eingeschränkt. Er hat das Denken über den deutschen Fußball (zumindest) ein Stückchen geändert.

    Und die Raubbau-Kritik macht mich geradezu wütend – so ein starker Tobak ist das! Welche deutschen Fußballtrainer haben so viel Wert auf stabilisierende Kraftübungen, moderne Regeneration und Fitnesstraining gelegt wie Klinsmann und Löw? Die Spieler haben sogar “Hausaufgaben” bekommen. Das hat den faulen Fußballern und ihrer Gesundheit sicher gutgetan.

  6. M.Wiemer schrieb am 18. September 2007:

    Ja Klinsmann hat einiges bewegt. Die komplette Springer Presse wollte ihn nach der 1:4 Niederlage abschießen. Gut das er durchgehalten hat. Er hat von anfang an mit ehrlichen Karten gespielt. Er ist ein Projektarbeiter. So sieht Klinsi sich und so agiert er auch. Nun werden jedoch auch Projekte sowohl in der Wirtschaft wie im Sportbusiness an Ergebnissen gemessen. Am Ziel Titelgewinn ist er leider um zwei Plätze vorbeigeschrammt. Im Halbfinale hatten die Deutschen einfach Angst vor der eigenen Courage. Wo blieb dort die mutige Angriffswucht und Dynamik aus den ersten 30 Minuten vom Schweden-Spiel ? Ich hatte nie das Gefühl das wir in der normalen Spielzeit und später in der Verlängerung den Italienern den K.O. versetzen können. Die Hoffnung auf das Elfmeterschießen und einen Jens Lehmann im Duell Mann gegen Mann beim Nervenkitzel war letztendlich leider zu wenig. Die Diskussion um Frings kann sicherlich auch noch in 10 Jahren geführt werden. Ich fand das Verhalten der FIFA auch nicht in Ordnung. Die deutschen Medien hielten sich mit Kritik erstaunlich zurück.Doch sollten wir auch keine Ausreden suchen. Der dritte Platz ist angesichts der Ausgangslage des Deutschen Fußballs beim Antritt von Klinsmann seiner Projektzeit gut. Nach dem 1:4 gegen Italien Monate vor der WM sogar richtig gut. Löw hat das Feld gut bestellt übernehmen können und wird bei der EURO 2008 sicherlich mehr wie den 3.Platz erreichen wollen. Das Zeug hat die Mannschaft schon. Die Form von Mannschaften wie Spanien, Frankreich oder Niederlande ist nicht überirdisch.

  7. BArometer21 schrieb am 18. September 2007:

    Man kann Klinsmann nicht hoch genug anrechnen, was er für den deutschen Fussball getan hat. All die Diskussionen um Trainingslager, Psychologen, neue Fitnessmethoden, die noch vor eineinhalb Jahren zu hören waren, sind nun verstummt. Der Fussball und das Drumherum haben sich so stark geändert, dass man sich daran kaum mehr erinnert und das liegt an Klinsmanns sturer Art, oder freundlicher: an seiner Durchsetzungsfähigkeit. Er hat im DFB viel bewegt und das war – glaube ich – sehr gut für den deutschen Fussball. Und den dritten Platz verzeihe ich ihm. Denn die Nationalmannschaft hat definitiv so gespielt, als wolle sie ins Finale. Dass es nicht geklappt hat, betrachte ich als Pech.
    PS: Gerade gegen Wales kamen einigen Leuten wieder die Worte von Rudi Völler ins Gedächtnis: “Es gibt keine Kleinen mehr.” Und genauso haben wir damals gespielt. Und heute? Erwähnt ein Kommentator, dass wir eine unheimlich leichte Qualigruppe haben. Scheint also wieder Kleine zu geben und aus deutscher Fussballsicht gefällt mir das ganz gut. Denn es bedeutet, dass wir eine sensationelle Mannschaft haben. Die von einem sehr angenehmen Trainer trainiert wird. Der wiederum einen sensationellen Vorgänger hatte.

  8. Timbo Rowski schrieb am 22. September 2007:

    “obwohl er Mitte der 80er auf dem Tübinger Marktplatz meiner Freundin schöne Augen gemacht hat”

    Danke für diesen kleinen auflockernden Einschub! :D

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