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Detlev Claussen Verwöhnte Bremer Haupttribüne

von Detlev Claussen

Endlich wieder einmal live dabei. Mehr als das – mittendrin im europäischen Fußballalltag, Viertelfinalrückspiel Uefa-Cup Werder gegen Vigo. Schön ist es, mal wieder im Stadion Fußball schauen zu können; man darf sich selbst aussuchen, was man gerne sehen möchte. Allerdings muß man auch mit dem Zweifel leben Millimetergenaue Abseitsentscheidungen lassen ohne Zeitlupen sich nicht so genau überprüfen. Sicher konnte man sich nicht sein – weder beim ersten Tor von Werder (zu weit weg) noch beim annullierten von Celta (sitze direkt hinter dem Tor); dem Gefühl nach hätte ich es gegeben, aber genau konnte man es nur von der Seite sehen. Die Abseitsregel wird inzwischen bizarr ausgelegt: Jetzt werden einzelne Körperteile diskutiert, die nicht auf gleicher Höhe sein sollen. Das verkehrt den Sinn der Regel – es sollte doch beim säkularen Trend zum Mauern erleichtert werden, Tore zu schießen, also im Zweifel für den Torschützen. Für jede Mannschaft muß es ein Risiko sein, auf Abseits zu spielen. Es passiert auch immer noch oft, daß ein Abseits falsch gepfiffen wird. Aber Celta sollte nicht zu sehr jammern ; sie haben sehr spät, erst nach dem 0:1, in Bremen den Versuch gemacht, überhaupt ein Tor zu erzielen. Das Gehader mit dem Schiedsrichter kann nicht darüber täuschen, daß man in beiden Begegnungen selbst zu wenig getan hat um weiterzukommen.

Beim 0:0 in der Halbzeit traute ich meinen Ohren nicht. Mittendrin saß ich in einem Pfeifkonzert. Die Westkurve pfiff die Mannschaft aus, kein 6:0 in Sicht. Für den Europapokalalltag gab es kein Verständnis. Es kam eben nicht Barcelona, sondern Vigo. Vigo weiß, wie Barcelona in Schwierigkeiten zu bringen ist. Acht Mann in Ballnähe – das wurde gekonnt vorgeführt. Der Preis ist eben hoch; kaum Zeit für eigenes Offensivspiel, 180 Minuten null Tore, wenig eigene Chancen. Von Werder wird das zauberhafte Kurzpaßspiel des vergangenen Oktober erwartet; gegen ein an Barcelona geschultes Vigo ließ sich das nicht durchsetzen. In einem Falle wie diesem helfen nur Geduld, Aufmerksamkeit und nicht nachlassender Elan. Jede Mannschaft, die gegen einen mauernden Gegner wie diesen schlecht aussieht, braucht Hilfe von den eigenen Zuschauern. Schon bei einem normalen Ligaspiel, erst recht in einem Viertelfinale. Ein böses Live-Erlebnis: Nach drei Jahren Champions League scheint ein Teil des Bremer Publikums strukturell größenwahnsinnig geworden zu sein. Die Krise einer angeschlagenen Mannschaft wird nicht akzeptiert; man läßt sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.

Die Erwartung des Publikums kann zur Achillesferse einer Mannschaft werden. Das Gift hochgeschraubter Ansprüche kennt man aus Madrid und Barcelona. Da kann ein mißlungenes Heimspiel schnell zum Spießrutenlaufen werden. Gerade Mannschaften, die den Anspruch haben, attraktiv zu spielen, wecken Hoffnungen, die nicht immer erfüllt werden können. Schlimmer noch, wenn die Schere zwischen Anspruch und Vermögen sich öffnet. In Bremen zeigte sich im Uefa-Pokal auf den besseren Plätzen das häßliche Gesicht von Angestellten, die sich wie mitleidlose Bosse aufführen wollen. Die spielenden wirklichen Angestellten werden gedemütigt; nicht nach den Ursachen für eine mangelnde Leistung wird gesucht, sondern dem Spieler wird eine existentielle Unfähigkeit unterstellt. Als einzige Erklärung läßt man Arbeitsunwilligkeit gelten; das Gerede von den „Millionären in den kurzen Hosen“ begleitet die mitleidlose Abschätzigkeit des Publikums. Diese Zuschauer glauben sich im Recht; sie orientieren sich an der Pay-TV-Connaisseurhaltung der deutschen Sportmedien, die alles unter Chelsea, Milan und Barcelona für zweitklassig halten. Das wirkliche Spiel wird langweilig, wenn man einen Fernseh-Mythos vor Augen hat. Entlädt sich die Wut darüber, daß man eben nicht in einer Fußballmetropole zu einem Spektakel geht, an den Spielern, die eben keine Weltstars sind, aber gestern noch Weltstars haben Paroli bieten können?

Nicht nur die Ungeduld der Zuschauer wirkt beunruhigend, auch die Unduldsamkeit. Sich als Fan zu geben, wenn es läuft, ist leicht; aber wenn es nicht läuft, dann läßt sich viel erkennen. Wieviel Miroslav Klose wert ist, erkennt man nicht an der dümmlichen Rechnung, wieviel Minuten er ohne Torerfolg sei. Ein Blick auf die Scorer-Liste genügt. Auch in der Zeit ohne Torerfolg beeindruckt die Zahl der Assists. Niemand in den normalen Sportmedien zählt die „eroberten Bälle“; aber man merkt es an einem Abend wie diesen, daß keiner so viele Bälle „stiehlt“ wir Klose. Aber das Haupttribünenpublikum hat laut dem zuverlässigen Frank Heike von der FAZ Klose schon vor Wochen schon geschmäht. Das wirkliche Problem von Werder liegt derzeit im Mittelfeld, dem Herzstück des Zauberfußballs seit 2003. Baumann und Borowski fehlen; jetzt war auch noch Jensen angeschlagen, der sich über die Jahre immer besser in das Bremer Spiel hineingefunden hat. Die Wut der Zuschauer entlud sich an Vranjes, dem das nicht gelang, was nur ein gesamtes Mittelfeld erreichen kann. Frings hatte zweifellos nicht seinen besten Tag, Schulz und Owomoyela sind auf diesen Positionen noch nicht oft genug erprobt worden. Wenn statt einer kombinierenden Raute das Mittelfeldspiel auf Einzelspieler reduziert wird, rückt Diego in die Rolle eines traditionellen Spielmachers, der bei Mauermannschaften dann von vier Spielern gehetzt wird. Wer soll da noch gut aussehen? Trotzdem spielt er sich zweimal durch die vier und scheitert nur ganz knapp. In Spanien hätte man geklatscht, in Bremen rührt sich keine Hand bei der Auswechslung.

Wenn zehn Mannschaften gegen den Abstieg kämpfen, wird es auch in der Bundesliga viele Spiele dieser Art geben. Die fünf Aspiranten auf die internationalen Plätze, die auch auswärts immer siegen müssen, treffen auf Mannschaften, die in der Rückrunde auch zuhause schamlos mauern. Der Supercatenaccio ist eine Reaktion auf die panikartige Abstiegsangst; wie wird Huub Stevens schon gefeiert?! Auch Funkel hat es gegen die Bayern wieder erfolgreich versucht. Wer dennoch zum Offensivspiel hält, muß sich überlegen, wie es gegen solche Mannschaften durchzuhalten ist. Otto Rehhagel hat man als ungebildeten „Anstreicher“ geschmäht; aber die „kontrollierte Offensive“ ist ein guter Ausdruck für ein Programm, auf Sieg zu spielen, ohne in jeder Partie den Heroismus der fliegenden Fahnen bemühen zu müssen. Haben die Zuschauer schon vergessen, wie sie sich über die haarsträubenden Abwehrfehler der Werderaner in der Vergangenheit mokiert haben? Ich bin bereit, auf ein paar „Wunder an der Weser“ weniger zu hoffen. Die Zuschauer müssen sich auch eine Meisterschaft erst noch verdienen; auf den von manchen verachteten Fanzoo in der Ostkurve ist da mehr Verlaß als auf die Tribünenplätze.

7 Kommentare

  1. JNotholt schrieb am 19. März 2007:

    Volle Zustimmung. Das ist aber ein allgemeines Problem beim Bremer Publikum. Im November in der Champions League gegen Chelsea (1:0) war es erstaunlicherweise ähnlich, um mich herum wurde fleißig gemotzt, vor allem über die nicht immer effektiven Diego und Almeida („Der kann’s einfach nicht!“).
    Muss wohl am norddeutschen Wesen liegen, oder man hat Thomas Schaafs Art zu sehr verinnerlicht. Den kann man – bei aller Sympathie – ja auch nicht unbedingt als rheinische Frohnatur bezeichnen.

  2. kostedde9 schrieb am 20. März 2007:

    die südtribüne ist fürchterlich. wenn ich keine anderen karten bekomme, sitze ich dort manchmal. wobei ich auch sagen muss, dass es vereinzelte sind, die dort unsachliche und unsportliche kommentare artikulieren.

    dabei glaube ich nicht unbedingt an ein bremer phänomen (auch wenn man durch die leistungen der letzten jahre tatsächlich ein wenig verwöhnt ist). es ist in meinen augen das rudimentaär ausgeprägte verständnis, was diesen sport angeht. dieses verständnis ist in england unglaublich ausgeprägt (über alle sportarten hinweg ist man dort einfach kultivierter).

    für den fußball bedeutet dies: schwalben werden in england derart an den pranger gestellt, dass sie meines erachtens weniger vorkommen als in der bundesliga. darüber hinaus wird die eigene mannschaft (geschweige denn eigene spieler) so gut wie nie ausgepfiffen.

    man ist auf der insel auch weniger oportun, was den lieblingsverein angeht. in deutschland oder spanien gibt es flächendeckend viel mehr bayern- bzw. real-fans, waährend man auf die an einen engländer gerichtete frage, welchen verein er „supported“ haüfig 4. oder 5-liga mannschaften genannt bekommt.

    aber schwamm drüber. für den moment bin ich froh darüber, dass die mannschaft und der trainer das verhalten der südtribüne öffentlich kritisiert haben und dass vranjes sowohl das wichtige 1:0 gegen mainz schoss und gestern in der kicker-elf-des-tages war. besser kann man kaum auf die pfiffe antworten.

  3. Ylem schrieb am 21. März 2007:

    „Aber Celta sollte nicht zu sehr jammern ; sie haben sehr spät, erst nach dem 0:1, in Bremen den Versuch gemacht, überhaupt ein Tor zu erzielen.“

    Naja – Vigo wurde ein klarer Elfmeter verweigert als es noch 0:0 stand.

    Aber zum Publikum:

    das gleiche Problem war in Gladbach in den 70`er zu bestaunen. Die Sesselpupser auf der Tribüne haben zwischendurch ein solches Gestöhne und Geraune veranstaltet, wie ein Haufen besoffener Nashörner bei einer Orgie (zumindest stelle ich mir das so vor). Das sind in meinen Augen sowieso keine Fans im eigentlichen Sinne. Fehlen nur noch die Operngläser.

  4. Andreas Meyer schrieb am 21. März 2007:

    Erst einmal eine Korrektur: es war das Achtelfinale.

    Aber zum Text selber: das Phänomen kann man tatsächlich erkennen – ich selber habe es in Gladbach zuletzt am eigenen Leibe erlebt: Nach dem 1:0 wurde euphorisch der Meister-Titel gesungen, zwischen Ausgleich und erneuter Führung hörte man sehr oft „Wir woll’n Euch kämpfen sehen“-Chöre. Wobei Werder durchaus gekämpft hat.

    Nach der Führung dann wieder Meisterträume.

    Manchmal habe ich den Eindruck, viele der Werder-Fans sind extrem manisch-depressiv veranlagt – es gibt nur hopp oder top.

    Verstehen kann ich es nur zum Teil. Die Mannschaft hat im „goldenen Oktober“ gezeigt, was sie kann – aber realistisch gesehen war es doch klar, dass diese Leistungen nicht permanent laufen können. Die Spieler und Trainer der anderen Teams sind doch auch keine Laien – die lernen doch daraus, wie man am erfolgreichsten gegen Werder spielt: defensiv und das Spiel kaputtmachen.

    Dass dann keine super-attraktiven Spiele mehr möglich sind, sollte eigentlich allen klar sein. Da muss sich dann auch der gemeine Werder-Fan mal in Geduld üben.

    Derzeit zeigt die Mannschaft das, was man jahrelang den Bayern vorgeworfen hat: ergebnisorientierten und kräftesparenden Fussball. Hauptsache gewinnen. Und das vollkommen zurecht, da (und das haben viele noch nicht realisiert) man ja neben Meisterschaft auch noch im UEFA-Cup spielt und da als Ziel auch Finale und – wenn es gut läuft – auch den Pott holen will.

    Da heißt es halt auch mal: Kräfte sparen.

  5. Ylem schrieb am 21. März 2007:

    Was ich vergaß zu erwähnen: Ich bin ja ein Borussia MG Fan aus Irland, der auch in England gelebt hat. Was hier auch fehlt, ist eine Portion Selbstironie unter den Fans. Ich kann mich an ein „Abstiegsgipfel“ der Premier League vor einigen Jahren erinnern (Charlton v. Leeds?) wo das 1:0 für eines der beiden Mannschaften fiel. Daraufhin sangen die Fans „Going down, going down, going down“ worauf die gegnerischen Fans sofort mit „So are we, so are we, so are we“ konterten. Was hört man hierzulande? Das beliebte, aber durchgelutschte „Zweite Liga..blahblahblah…“. Kümmerlich eigentlich, wenn man bedenkt, daß wir uns hier im „Land der Denker & Dichter befinden.

  6. Werder 07 schrieb am 25. März 2007:

    Pausenfüller (Teil 1)…

    Die Zeiten, in denen man während Länderspielpausen in Depressionen verfallen konnte sind – Gott sei Dank – vorbei. Es bleibt allerdings trotzdem noch genügend Zeit, sich über die kommenden Aufgaben Gedanken zu machen und auch auf die vergangenen Wo…

  7. Meine Saison mit dem SVW | Pausenfüller (Teil 1) schrieb am 2. August 2009:

    […] wurde aufgrund der fehlenden Geduld mit der eigenen Mannschaft kürzlich in den Medien stark kritisiert. Auch wenn ich die generelle Kritik für übertrieben halte – und es weißgott kein Bremer […]

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