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Joachim Löw hat für seine Verhältnisse ungewöhnlich offen die vielen Verletzten in der Bundesliga beklagt und es, überraschenderweise, auf das gängige Zweikampfverhalten im deutschen Fußball zurückgeführt: „Da wird einfach in den Mann gegrätscht ohne die Chance auf den Ball“, zitiert ihn sueddeutsche.de. „Viele Spieler foulen vorsätzlich. Da müssen wir etwas im Denken ändern.“ Als Ausnahmen zählt er seine Verteidiger Lahm, Mertesacker und Metzelder auf: „Sie gewinnen ihre Duelle ohne Fouls, weil sie nah am Mann stehen, immer aufmerksam sind und im richtigen Moment eingreifen.“ Ein Beispiel könne man sich auch an den Italienern nehmen, sie beherrschten Mann gegen Mann ohne Foul. Allgemein an die Bundesliga gerichtet, fordert Löw: „Man muss insgesamt ein besseres Zweikampfverhalten trainieren, die Spieler besser ausbilden.“ Und noch einen Rat hält er den Vereinen bereit, nämlich „auf die geballte medizinische Kompetenz der Nationalmannschaft zurückzugreifen“.

Das tazblog Volk ohne Raumdeckung stellt Löws Diagnose infrage und zählt die Ursachen der Verletzungen von Frings, Schweinsteiger, Fritz & Co auf, die alle nicht aus einem Foul resultieren. Liegt Löw also falsch? Vielleicht sollte man den Bundestrainer nicht zu wörtlich nehmen, sondern seine Aussagen auf politisches Kalkül hin prüfen. Könnte es nicht sein, dass der kluge (in Fußballmaßstäben sehr, sehr kluge) Löw uns etwas indirekt sagen will? Ist er nicht dafür bekannt, diplomatisch zu handeln und zu reden? In den letzten Wochen kursierte in verschiedenen Presseorganen wieder mal der Vorwurf, in der Bundesliga werde nach wie vor „falsch“ trainiert; insbesondere was Regeneration und Prävention betrifft. Doch diese Debatte ist vermint, Löw ist sicher nicht scharf darauf, in die Klinsmann-Rolle zu schlüpfen, also in die des Besserwissers. Es ist demnach nicht auszuschließen, dass Löw schlicht das Thema Verletzungen auf die Agenda setzen will und die heikle Diskussion über die Ursache, die er in Wahrheit dahinter vermutet, nämlich unsystematisches Training, andere aussprechen lassen will? Von den Bayern jedenfalls, die den Ausfall ihres Stürmerstar Klose durch ein hartes Foul (Naldo) hinzunehmen haben und deren Wortmeldung und -macht man immer fürchten sollte, muss er derzeit mit seiner Foul-Theorie keinen Widerspruch fürchten. Mal sehen, ob sich die Verletzungsdebatte verselbständigt …

9 Kommentare

  1. Dunkelrot schrieb am 21. August 2007:

    Fußball ist auch Kampfsport!

    Machen wir uns nichts vor: Im Fußball heute wird extrem schnell gespielt. Auch in den unteren Ligen. Über 30 km/h laufen die Spieler im Sprint. Ein Foul wirkt dann, als wenn Dir einer einen Stock zwischen die Beine hält. Fouls sind Crashs bei Tempo 30. Die Folgen kennen die Spieler die auf der Strecke geblieben längst. Genauso wie die Sportversicherer, die Berufgenossenschaft und die Krankenkassen längst die Zahlen und Kosten kennen. Das Regelwerk muss konsequent weiterentwickelt werden. Fouls die klar dem Gegner gelten müssen viel härter bestraft werden, und die Ausdrucksformen eines van Bommelschen agressive Leadership gehören nicht auf den Fußballplatz…..

  2. vabene schrieb am 22. August 2007:

    Vielleicht sollte in diesem Zusammenhang auch den Schiedsrichtern wieder erlaubt sein, sich auf Fouls zu Konzentrieren.
    Meist müssen sie sich ja dank Regelwerk mit Dingen wie Trikotzupfen, Jubeln, passives Abseits und falscher Einwurf (zumindest in den unteren Klassen) beschäftigen, die zwar Regel sind, aber meist an Sinn zu hinterfragen wären.

  3. onkelheini schrieb am 22. August 2007:

    Ich glaube, unserem Bundestrainer geht es mehr um die moderne Schulung des Abwehrspielers. Leider war auch dieses Wochenende wieder zu sehen wie sinnlose Fouls zu schwerwiegenden Folgen führen. Neben Naldo ist Nico Kovac zu erwähnen, der nach einem sinnlosen Ziehen an Kuranyis(?)Trikot, Pander per Freistoss das 2:0 ermöglichte. Viele Fouls von den Abwehrspielern gerade um den Strafraum bedeuten erst Gefahr für das eigene Tor, da die Standardsituation im professionellen Fussball enorm an Wichtigkeit gewonnen hat. Auch der letzte Sieg in Wembley entsprang einer solchen.
    Meinen beiden Vorgängern stimme ich im übrigen zu.

  4. meyerman schrieb am 22. August 2007:

    Sicherlich ist es eine Kombination aus zwei Übeln, die hier zusammen kommen. Zum einen ist das Spiel schneller und aggressiver geworden. Langsame Verteidiger der alten Schule sind gegen schnelle Gegenspieler schnell überfordert. Der berühmte “Schritt zu spät” endet dann oft schmerzhaft. Und ich halte es auch durchaus für denkbar, dass ein Trainer in Cottbus oder Duisburg irgendeinen Kettenhund gegen einen Diego loslässt, mit den Worten: “Wenn der 90 Minuten auf die Socken bekommt, macht der gar nix. Hol dir ruhig ne Gelbe ab.”
    Ich denke aber auch, dass in vielen Vereinen der Regeneration zuwenig Platz eingeräumt wird. Es ist sicherlich kein Zufall, dass bei bestimmten Mannschaften manche Spieler kaum noch auf die Beine kommen. Ich nenne nur Dortmund, die regelmäßig von “Verletzungspech” schwadronieren und einen Sammer regelrecht verschlissen und einen Metzelder über ein Jahr im Lazarett geparkt haben. Dazu kamen regelmäßig viele verletzte Spieler. Und das nächste Opfer liegt schon wieder darnieder: Sebastian Kehl ist seit der WM auf dem guten Weg in die Sportinvalidität.

    Ich denke, man darf einigen Vereinen durchaus unterstellen, dass sie mit veralteten physiotherapeutischen Methoden irgendwelcher liebenswerter Masseururgesteine mehr kaputt machen, als heilen.

  5. meyerman schrieb am 22. August 2007:

    Ein edit oder Vorschau-Button wäre mal was…
    Falschen Code getippt…

  6. Doerk schrieb am 22. August 2007:

    Ich denke man muss differenzieren:

    1. Bundesliga Schiedsrichter sollten nach “internationaler Härte” pfeifen. Dies bedeutet nicht, dass sie die Gesundheit der Spieler nicht mehr schützen sollen. Im Gegenteil, Fouls die – absichtlich oder unabsichtlich – die Verletzung des Gegenspielers in Kauf nehmen (Naldo / Klose) sollten direkt mit rot bestraft werden. Allerdings beobachtete man in der Vergangenheit immer, dass sich Spieler in der Bundesliga in bedrängten Situationen, in denen sie sich spielerisch nicht befreien konnten, bei einfachem Körperkontakt fallen liessen und einen Freistoss zugesprochen bekamen. Dieselben Spieler mussten auf internationaler Ebene dann feststellen, dass sie für ihre fehlenden spielerischen Fähigkeiten nicht mit einem Freistoss belohnt wurden. So sollte es auch sein!Der Schiedsrichter muss die Gesundheit der Spieler schützen und nicht den Körperkontakt unterbinden! Offenbar aus Angst vor Fehlentscheidungen oder möglicherweise schlechten Beurteilungen im Schiedsrichterwesen haben die deutschen Schiedsrichter in der Bundesliga im Zweifel bei jedem Körperkontakt auf Foul entschieden, was ich für falsch halte. Hier sollte möglicherweise die Schulung der Schiedsrichter hinsichtlich der Beurteilung des Zweikampfverhaltens der Spieler verbessert wrden.

    2. Löw hat sicherlich recht, dass in der Bundesliga viele Verteidiger zuwenig den Ball gewinnen wollen, aber das ist nicht nur in der Bundesliga so. Auffällige Treter, die es immer – auf unfaire Weise zunächst auf die Knochen des Gegenspielers abzielen, sind etwa Krstajic oder Boularouz, entsprechend Nationalspieler ihrer Heimatländer. Ich könnte mir schon vorstellen, dass man ein faires Zweikampfverhalten besser trainieren kann. Dies fordert vom Verteidiger vor allem mehr Antizipation und Spielverständnis (wie z.B. bei Mertesacker, Lahm, Lucio) und Handlungsschnelligkeit. Leider profilieren sich noch zuviele Verteidiger über körperliche Härte und Unfairness. Das ist aber vor allem eine Frage an die Trainer und Vereine, welchen Fussball sie spielen lassen wollen.

  7. Makko schrieb am 22. August 2007:

    Auf die Frage jedenfalls, ob der Jogi hier einen Nebenkriegschauplatz eröffnet hat, um das eigentliche Thema des unsystematischen Trainings in der BL nach vorn zu bringen, muss man leider feststellen, dass davon seit seiner Aussage nicht viel in den Medien hängengeblieben ist.

    Es hilft halt nix und das gilt wohl für jeden Vorgesetzten: Wer Veränderungen will, muss dies offensiv tun, schliesslich haben wir gesehen, wieweit man mit “Tante Käte Diplomatie” kommt.

  8. M.Wiemer schrieb am 23. August 2007:

    Jogi Löw eifert dem ehemaligen Außenminister Joschka Fischer nach. Natürlich ist es Politik über Bande. Die Verletzungsdebatte wird sich jedoch nach dem 2:1 gegen England nicht verselbständigen. Natürlich ist die Anzahl der Verletzten bedenklich. Wie Klose durch das Brutalo Foul von Naldo ausser Gefecht gesetzt wurde konnte jeder sehen. Es erinnerte unangenehm an das üble Rambo Foul von Meira an Mintal im Pokalendspiel. Allofs nahm Naldo in Schutz. Er wäre körperlich nicht frisch und sei zu spät gekommen. Natürlich stellt sich da die Frage: Darf dann so ein Mann aufgestellt werden der ja mit seiner nicht so frischen Spielweise die offensichtliche Verletzung seines Kontrahenten in Kauf nimmt ? Für Naldo bedurfte es an diesem Sonnabend eigentlich eines Waffenscheins. Bewunderswert wie souverän die Bayern Verantwortlichen wie Uli Hoeneß mit dem rüden Foul am Nationalspieler Klose umgegangen sind. Bei den vielen Absagen an Löw waren jedoch auch Spieler dabei die nicht durch Fouls verletzt waren. Da stellt sich sicherlich in dem einen oder anderen Fall die Frage nach dem Training und der Regeneration und Prävention. Bremens Manager Klaus Allofs betont das Werder das selbe Trainingsprogramm fährt wie die Jahre zuvor. Die medizinische Kompetenz bei Vereinen wie dem FC Bayern München steht sicherlich nicht im Schatten der Abteilung Doc. med. Nationalmannschaft. Die Italiener für faires Zweikampfverhalten zu loben empfinde ich persönlich etwas weit hergeholt. Jogi Löw wollte (jetzt sind wir wieder bei der Politik) eventuell nur einer Niederlage in England vorbeugen. Prävention in eigener Sache. Kluger Schachzug. Könnte direkt aus der Joschka Trickkiste stammen. Natürlich hatte er auch diesbezüglich mit Klinsmann einen guten Lehrmeister. Jogi Löw macht seinen Job als Fußballaußenminister Deutschlands schon sehr gut. Er setzt auch eigene Akzente und die Mannschaft trägt deutlich seine Handschrift. Mit dieser Mannschaft freut sich Deutschland zu Recht auf die EM 2008.

  9. Volk ohne Raumdeckung » Zu viele Fouls? schrieb am 10. Januar 2009:

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