Und schon wieder kein Finale, HSV!
von Oliver FritschFür den Hamburger SV, der noch vor wenigen Wochen so aussichtsreich in drei Rennen lag, hat die Saison die schlimmstmögliche Wendung genommen: ausgeschieden in zwei Halbfinals – und das gegen Werder Bremen, den Rivalen. Den Rivalen, von dem man wähnte, ihn hinter sich gelassen zu haben. Und gegen den man nun die zweite Heimniederlage innerhalb von zwei Wochen einstecken muss. An diese Saison wird man, wenn in der Liga nicht noch ein Wunder geschieht, in Hamburg noch in Jahren mit Schrecken zurückdenken. Es ist die Saison, in der man sich zwei Mal von Bremen bestehlen ließ.
„Es tut besonders weh, im eigenen Wohnzimmer zu unterliegen“, gab HSV-Vorstand Bernd Hoffmann nach dem Spiel zu. Tim Wiese hingegen, der Bremer Torwart, sagte den Bremer Journalisten, die ihn bejubelten und ihm gratulierten, mit breitem Grinsen: „Das ist unser Stadion.“ HSV-Fans würden ihm für diesen Satz am liebsten seine blonden Strähnchen rausreißen.
Die Stimmung in der HSV-Arena in diesem aufwühlenden Spiel war von Beginn an zweideutig. Einerseits kann ein Publikum eine Mannschaft nicht lauter unterstützen. Als Kapitän David Jarolim zu Beginn des Spiels einen Einwurf an der Mittellinie erkämpfte, sprangen die Hamburger auf und brüllte wie bei einem Tor. Nicht nur der Fan-Block, auch die Tribünen. Andererseits war das auch ein Zeichen: Die Fans wussten, dass die Mannschaft jede Unterstützung gebrauchen kann. Weil sie es am Ende einer kraftraubenden Saison nicht mehr alleine schafft.
Es kam, wie es kommen musste. Als der überragende Diego Olic‘ Führungstreffer ausglich und kurz später an die Latte schoss, wurde sichtbar, dass die Entschlossenheit in den Gesichtern der Hamburger bloß die Angst maskierte. Die Bremer Ultras sangen, als es noch 1:1 stand: „Hamburg ist nervös.“ Und sie hatten recht in einem zweifachen Sinne: Es galt für Spieler und Fans. Kurz später und bis lange nach Schlusspfiff hieß es dann: „Und schon wieder kein Finale, HSV!“
Die Sterne stehen im Moment ungünstig für den HSV: im Pokal im Elfmeterschießen verloren, im Uefa-Pokal durch die Auswärtstorregel ausgeschieden, knapper geht es nicht. Das Leid dieser Welt legten die Fußballgötter gestern auf die Schultern Michael Gravgaards: Erst wurde sein Tor durch den kleinlichen Schiedsrichter aberkannt, dann streuten sie ihm eine Papierkugel in den Weg, woraufhin er die Ecke verursachte, der das dritte Bremer Tor folgte. Aber es war nicht nur Pech im Spiel. Es wurde erneut sichtbar, dass vom Hamburger Mittelfeld zu wenig Torgefahr ausgeht und dass Marcell Jansen nicht darin geschult ist, wie ein Verteidiger zu laufen und wo er zu stehen hat.
Als ob das alles nicht Strafe genug wäre, muss der HSV am Sonntag erneut nach Bremen reisen. Und sich den Spott der Sieger anhören. Bitter ist es auch deswegen, weil man keine Rache nehmen kann. Werder hat in der Bundesliga geschlampt, es kann nichts gewinnen, und es kann nichts verlieren. Im Gegensatz zum HSV, der nun sogar aus den Rängen fallen könnte, die die Qualifikation für den Europapokal bedeuten.
Wer nicht mit den Hamburger empfindet, hat kein Fußballherz. Bremens Sportchef Klaus Allofs bekundete jedenfalls nach dem Spiel Mitleid. Es war ernst und gut gemeint, doch Mitleid ist eine Verliererkategorie. Vielleicht lassen ja die Bremer den HSV am Sonntag gewinnen. Das wäre die Höchststrafe.
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NummerNeunzehn schrieb am 8. Mai 2009:
Mich würde interessieren, was die freistoss-Leser über die gelben Karten gegen Silva und Diego denken. Mir scheint, dass es mittlerweile üblich ist, in solchen Situationen beiden Beteiligten gelb zu geben. In diesem Fall würde ich Diego (auch wenn er ein Drecksack sein kann) aber von jeglicher Schuld freisprechen. Er hat doch nicht wirklich etwas getan, was ahndenswert gewesen wäre. Dass er jetzt im Finale zuschauen muss ist schade. Besonders, weil es die Bremer Siegchancen erheblich schmälert. Pizarro kann ja nicht mit sich selber kombinieren…
Oliver Fritsch schrieb am 8. Mai 2009:
Gute Frage. Ich kanns nicht sagen, weil das von der Tribüne nicht zu beurteilen ist und ich keine TV-Bilder gesehen habe. Allerdings finde ich Gelbsperren überflüssig, zumindest in K.o.-Wettbewerben. Dass Spieler in einem Finale wegen Gelben Karten fehlen, ist in niemanden Sinn.
Ballack 2002 zum Beispiel war Oper einer Fehlentscheidung im Achtelfinale gegen Paraguay.
pelto schrieb am 8. Mai 2009:
Ich finde nicht, dass Diego von jeglicher Schuld freizusprechen ist: Wer sich derart vor seinem Gegner aufbaut (mir fällt da der Klassiker Albert Streit vs. Norbert Meier ein) und ihm “nette” Dinge sagt, muss quasi schon damit rechnen, dass er weggeschubst wird. Irgendwo habe ich auch von einem angedeuteten Kopfstoß von Diego gelesen, aber dafür muss man wohl die Super-Zeitlupe ein paar Mal studieren. Jedenfalls ist es imho in einer solchen Situation – und auch wenn Alex Silvas Schubser offensichtlicher war – aus Sicht des Schiris völlig okay, beiden Gelb zu geben.
Und wenn die Karte dann auch noch eine Sperre nach sich zieht, ist das Pech, aber nun einmal die Regel, nach der gespielt wird (aus Sicht des HSV bringt es auch nichts, über die Auswärtstorregel zu jammern). Dass ein Fußballer sich in einer solchen Situation, in der er weiß, dass er bei einer gelben Karte fürs Finale gesperrt ist, auch zusammenreißen kann, hat (wiederum) Ballack im letzten CL-Spiel bewiesen – zumindest solange, bis er völlig ausgetickt ist …
Ingrid schrieb am 8. Mai 2009:
Ich hatte es irgendwo schon mal erwähnt: in der NDR3-Sportsendung am Sonntag gab es vor dem ersten der vier Spiele gg. Werder die Zuschauerfrage, wie viele Titel der HSV holen würde.
Über 50 % stimmten da für: keinen Titel
Anscheinend hatte die Recht.
Oliver Fritsch schrieb am 9. Mai 2009:
Regeln kann man ändern, wenn sie nicht gut sind, pelto. Und die Auswärtstorregel ist kein guter Vergleich, da sie ja ein Nullsummenspiel ist: Einer profitiert, der andere nicht.
Von der Gelbsperre profitiert nur ein Unbeteiligter, nämlich der kommende Gegner. Der Fußball insgesamt trägt aber einen Schaden, wenn im Finale die besten Spieler fehlen.
Wegen Gelben Karten! Ich meine – was sind denn Gelbe Karten? Das sind Verwarnungen, die man zum Teil für Kleinigkeiten bekommt. Oft willkürlich verteilt. Verwarnungen sollten sich auf das Spiel beschränken, in dem sie ausgesprochen werden.
In der Liga lasse ich es mir noch gefallen. Aber eigentlich bin ich generell skeptisch gegenüber Sperren.
pelto schrieb am 9. Mai 2009:
Ja, natürlich kann man die Regeln ändern. Und bei der Gelbsperren-Geschichte hat die UEFA für die Europameisterschaft ja auch entsprechend reagiert. Völlig zu Recht, wie ich finde, und warum das nicht auch gleich für die Vereins-Wettbewerbe geändert wurde, verstehe ich nicht. Insofern sind wir uns völlig einig.
Aber das Spiel am Donnerstag fand nach den geltenden Regeln statt. Und da hilft kein Gejammer von den Werder-Verantwortlichen. Laut dieser Meldung wusste Almeida nicht mal, dass er bei einer gelben Karte gesperrt sein würde – OMG …
Sowohl die gelbe Karte für Almeida als auch die für Diego gab es jeweils in Szenen, in denen sich beide Spieler ziemlich heftig mit dem Gegenspieler angelegt haben (Almeida mit Boateng, wenn ich mich richtig erinnere) und damit nicht für Kleinigkeiten und nicht willkürlich. Solchen Szenen fehlt dann auch die Tragik von Situationen à la kurz vor Spielende ein taktisches Foul, um ein entscheidenden Gegentor zu verhindern und dafür im erreichten Finale gesperrt. Sondern es ist schlicht und ergreifend dämlich von den Spielern, sich bei einer drohenden Sperre auch nur auf irgendwelche Wortgefechte oder Schubsereien einzulassen. Und wenn die Verantwortlichen im Verein glauben, dass das z.B. aufgrund des “südländischen” Temperaments eines potentiell gelb-gefährdeten Spielers nicht klappen wird, dann muss der halt das Halbfinale auf der Bank absitzen (wurde in der Presse über Ballack für das CL-Spiel auch spekuliert) Oder sie gehen das Risiko ein, ihn spielen zu lassen.
Völlig klar, dass das alles ziemlich absurde Konsequenzen aus einer unnötigen Regel sind. Aber dass das so ist, wissen alle Beteiligten vorher und sollten sich professionell darauf einstellen.
Oliver Fritsch schrieb am 9. Mai 2009:
Ich will ja nicht die Bremer Sperren aufheben. Ich finde die Regel generell falsch.
Manchmal gibt ein Schiedsrichter eine Gelbe Karte, um ein Zeichen zu setzen. Und zwar nicht nur an einen Spieler, sondern an eine Mannschaft – oder sogar an alle zweiundzwanzig. Das ist dann manchmal zu beobachten, wenn ein Schiri viel laufen lässt und die Spieler das ausnutzen. Dann wird ein Spieler für die Fouls anderer mitbestraft. Das meine ich mit Willkür. Ist vielleicht ein ungenauer Begriff.
Der Gert schrieb am 9. Mai 2009:
Profitieren von Sperren nicht grundsätzlich unbeteiligte Mannschaften? Nur eine Gelb-Rote im Hinspiel eines KO-Turniers würde die gefaulte Mannschaft vor dem Überltäter schützen.
Die Sperren dienen doch generell dazu, zum fairen Spiel anzuregen. Ohne sie könnte jeder Spieler in jedem Spiel ordentlich zulangen und z.B. in der Liga 34 Gelbe sammeln. Auch keine verlockende Vorstellung. Für mich in allen Ligen und Championaten eine korrekte Regelung.
Doof für Diego, Almeida und Bremen. Aber im globalen Zusammenhang zu begrüßen.
Auf die Diego-Situation bezogen war aus meiner Sicht die Karte hart. Aber zu vertreten. Auch weil im Spiel einiges an Gift war, und da der Schiri sicherlich die Vorgeschichte und das auf dem Spiel stehende kannte, war er dementsprechend kleinlich, gerade bei solch potentiellen Rudelentstehungssituationen.
Ich jedoch hätte sie nicht gegeben. Ich hätte siwieso pro Bremen gepfiffen …
Manfred schrieb am 9. Mai 2009:
Bis die von mir favorisierte Zeitstrafe erhoffte Realität werden wird, wird noch viel Wasser Weser und Elbe herunterfließen.
Und: nein, kein Mitleid mit dem HSV. Weder das noch Mitgefühl. Ich denke, Jol und die Verantwortlichen werden daraus lernen, zumal der HSV sich in der nächsten Saison möglicherweise ganz auf die Bundesliga konzentrieren kann.
moz schrieb am 10. Mai 2009:
Mitleid braucht der HSV nicht, sondern künftig einen an der einen oder anderen Position besser besetzten Kader, der Ausfälle und Verschleisserscheinungen besser kompensieren lässt. Die zahlreichen jungen Spieler haben sicher in den letzten zwei Wochen gelernt. Und Diddi und Jol werden gesehen haben, wo es generell beim einen oder anderne Spieler bei einer bestimmten Belastung, auf einem bestimmten Niveau eng wird.
Das zumindest ist meine große und einzige Hoffnung für die kommende Saison.
Volker Finke für Friedhelm Funkel! schrieb am 10. Mai 2009:
Und schon wieder nen Artikel übern HSV …
Marc P. schrieb am 10. Mai 2009:
@pelto
ich finde, was heftig ist, ist Auslegungssache und da wird in den letzten Jahren immer kleinlicher ausgelegt.
Das Agressionen verboten werden, heißt nicht, daß sie nicht mehr da sind. Sie verschieben sich dann bloß. Sehr eindrucksvoll beschreibt dies Rüdiger Dahlke in seinem Buch “Agression als Chance”, wo er dalegt, wie der Mensch krank werden kann, wenn er ein gestörtes Verhältnis zur Agression hat.
pelto schrieb am 11. Mai 2009:
@ Marc P.: Werbebanden, Wasserflaschen, Kabinentüren … alles okay. Aber nicht wie nachts um 2 Uhr auf dem Parkplatz vor der Dorfdisko.
Joern schrieb am 11. Mai 2009:
Wieso haben die Bremer die Hamburger eigentlich “bestohlen”? Das klingt wie “unredlich gewonnen” oder wie “das ist nicht sauber abgelaufen”.
Oliver Fritsch schrieb am 11. Mai 2009:
Unter Fußballern ist das ein Kompliment. Letzte Woche hat Wenger gesagt: Manchester United sind Räuber. Das war höchste Anerkennung.
Rob schrieb am 12. Mai 2009:
Ich würde ab dem Viertelfinale so etwas wie einen Joker einführen. Jede Mannschaft kann 1-2 mal eine Gelbe Karte nachträglich löschen lassen. Gerade die feinen Fussballer wie Messi oder Diego könnten so das Turnier durchspielen. Es könnte auch eine Alternative zum Fernsehbeweis sein, den in den Verbänden offensichtlich niemand will.