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Zwar steht der Turnierhöhepunkt, das Endspiel der Frauen-WM noch aus, die bisherigen Eindrücke und Erkenntnisse dürften aber die Diskussion über die zukünftige Entwicklung des Frauenfußballs auch danach noch bestimmen. Dabei wird es natürlich weniger bis gar nicht um das Drum und Dran dieser WM gehen. Wir wollen deshalb hier auch nicht über die bizarre und schwer dogmatisch geführte Genderdebatte reden („Männer“- vs. „Frauenfußball“); vernachlässigen können wir genauso die erwarteten gönnerhaften Expertenstatements ehemaliger Kritiker, die plötzlich zu Frauenverstehern wurden. Und schon gar nicht soll es um das völlig eventbesoffene Publikum gehen, dessen einziger Lebenssinn im Stadion zu sein schien, eine Ola nach der nächsten zu initiieren. Folglich kümmern wir uns auch nicht um den Hype, den die Medien entfachten und dabei u.a. offenbarten, wie es wohl ist, wenn öffentlich-rechtliche TV-Anstalten so crazy Ideen wie „WM Lyrics Misheart“ für jung und hip halten. Und wir decken gnädig den Mantel des Schweigens über das historische Ereignis, dass mit Claudia Neumann beim ZDF die erste Frau live WM-Spiele kommentieren durfte. Überhaupt nicht reden wollen wir darüber, was schlimmer für die WM war: die Anwesenheit vom mehr und mehr berlusconihaften Herrn Blatter oder ein Großteil der aktiven Schiedsrichterinnen.

Reden wollen und müssen wir übers gezeigte Spiel und seine Qualität. Um es kurz zu machen: Freundlich gesagt war das Niveau (bis auf geringe Ausnahmen) sehr enttäuschend, weniger milde bewertet sogar einfach schlecht. Fast sieht es so aus, als ob der Frauenfußball regrediert. Individuell entwickeln sich die Spielerinnen im Durchschnitt technisch durchgängig positiv; taktiktechnisch hingegen gibt es mit Ausnahmen wie Frankreich und Japan kaum eine Annäherng an moderne Auffassungen. So überwog bei fast allen Teams erstaunlicherweise das Spiel mit langen Bällen, teilweise auch über außen, was nicht selten an very british, very old school gemahnte. Ähnlich beklagenswert waren die Torhüterinnenleistungen, was nicht nur an der Körpergröße der meisten lag (stellvertretend z.B. Karen Bardsley, England,und Hervig Lindahl, Schweden, ja selbst Nadine Angerer muss sich fragen lassen, was sie beim japanischen Siegtreffer in der kurzen Ecke wollte). Physische Dynamik dominierte fast immer über die taktische, was etwa den Favoritinnen der USA mehrmals den Sieg bescherte; für die deutsche Mannschaft reichte das allerdings schon nicht mehr aus. Ball- und Kombinationssicherheit waren nur selten ausgeprägt, Struktur- und Konzeptfußball nur bei Teams zu erkennen, die keiner wirklich auf der Rechnung hatte.

Und doch gibt es dabei auch etwas, das einen Wendepunkt der fußballerischen Entwicklung im Kontext des modernen Fußballs markiert hat. So waren allen voran Japan und mit Abstrichen Frankreich die Teams, die aufzeigten, wohin die Reise des Frauenfußballs geht. Kluge Organisation, gutes Verschieben und Pressen als defensive Elemente, sicheres und schnelles Passspiel im Mittelfeld und nach vorne reichten für Frankreich gegen die USA zwar noch nicht ganz, für Japan gegen Schweden (und auch gegen Deutschland) schon. So heißen die herausragenden Spielerinnen der WM eben auch nicht Marta, Shelin, Wambach und schon gar nicht Bajramaj. Vielmehr sind es Typen wie Homare Sawa und vor allem Luisa Necib, die nicht „Heldinnen“ sein wollen sondern Teamplayer und Taktgeberinnen.

Das alles belegt aber nicht nur den angedeuteten Wendepunkt, sondern hilft auch bei der „Normalisierung“ des Verhältnisses zum Männerfußball. Beide Fußballformen werden – bei allen weiterhin bestehenden körperlichen Unterschieden – vergleichbarer für den Zuschauer. Dass der Frauenfußball damit auch attraktiver (um nicht zu sagen „nachhaltiger“) in der Wahrnehmung der echten (und nicht der  Event-)Fans werden könnte, liegt auf der Hand. Und: Selbst wenn sich diesmal noch der alte Fußball durchsetzen sollte (was mit den USA ja möglich wäre), geht auch der Frauenfußball in Richtung Moderne. Die üblichen Verdächtigen wie Schweden, Norwegen, USA und Deutschland (Grüße an Frau Neid) gehen momentan diesen Weg jedenfalls noch nicht.

2 Kommentare

  1. Rundes Leder Browserdienst 29/11 | «Zum Runden Leder» schrieb am 18. Juli 2011:

    [...] Fachblog “direkter Freistoss” liefert ein brauchbares Fazit zur [...]

  2. OF schrieb am 19. Juli 2011:

    Mein Fazit:
    http://www.zeit.de/sport/2011-07/fazit-taktik-wm-japan

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