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Mit einem sehr kritischen Text über Theo Zwanziger hat mich gestern die Sonntag-FAZ überrascht: „Der Zickzackzwanziger nimmt sich wichtiger als seinen Verband“. Die wichtigsten Vorwürfe gegen den Präsidenten:

    „Die Höhenluft bekommt ihm immer schlechter.“
    „Sein Hang zur Selbstüberschätzung ist zuletzt auch im Kanzleramt registriert worden.“
    „Die Diskrepanz zwischen den öffentlichen Solidaritätsappellen des Präsidenten und seiner rigorosen Führung stößt innerhalb des Verbands auf Verärgerung.“
    „Dem Anwalt aus Altendiez, so sehen es jahrelange Begleiter, bekomme die Höhenluft als omnipräsenter DFB-Präsident mit den Jahren immer schlechter.“
    „In der Verhandlung mit Bierhoff und Löw machte Zwanziger auch seine Befindlichkeit zu einem Teil des Problems. Aber die Gefühle des Präsidenten, der oft sehr emotional reagiert, haben in dieser Frage keine Rolle zu spielen.“
    „Im Prozess (gegen Jens Weinreich) drohte er mit Rücktritt und instrumentalisierte den DFB, um ausschließlich für seinen Ruf zu kämpfen.“
    „Eitelkeit“
    „Beratungsresistenz“

Conclusio: Der DFB hat (wieder) ein Führungsproblem. Im Oktober ist Präsidentenwahl, vielleicht nutzt ja ein anderer den günstigen Wind. Im Text ist die Rede von Wolfgang Niersbach, dem Beckenbauer-Buddy. Seine Strategie klingt leicht: auf Zwanzigers Fehler warten, denn, so heißt es weiter, „wenn der Präsident wieder einmal seiner eigenen Wege geht, dann möchte oder kann ihn auch Niersbach nicht bremsen. Man darf nicht ausschließen, dass der Generalsekretär dabei auch den Kollateralnutzen für seine eigene langfristige Karriere im Blick hat.“ Eine Theorie, die Jürgen Kalwa vor mehr als einem Jahr aufgestellt hat.

Dass Zwanziger noch die ideale Besetzung ist, als die er lange galt, ist nicht ausgemacht. Nicht in der Liga, die sich über ihn wundert. Nicht mal in der FAZ. Über die Diskrepanz zwischen Politik und Feuilleton in dieser Zeitung ist schon viel geschrieben worden. Doch gibt es auch im (erweiterten) Sportressort sehr unterschiedliche Meinungen über die Mächtigen im Sport und wie man ihnen publizistisch begegnet.

Im Fall Zwanziger gegen Weinreich im Herbst 2008 bin ich direkt vom konservativen FAZ-Flügel kontaktiert worden, als ich, Medium des Demagogen-Streits, von einem Redakteur zwei aggressive Mails erhielt, die zum Ziel hatten, Zwanziger zu schützen. „Theo Zwanziger ist der beste Präsident, den man sich vorstellen kann”, hieß es dort. Und im Internet seien nur hasserfüllte Eiferer unterwegs. Im Januar 2009 war dann in der FAZ zu lesen, Zwanziger solle gegen Weinreich klein beigeben, schließlich habe sich der Fall „nur im Internet zugetragen“, weswegen ihm die „Fallhöhe“ fehle. Erst spät, als selbst die FAZ die Dünnhäutigkeit des Präsidenten nicht mehr übersehen konnte, gab es kritische Leitartikel.

Der gestrige Text ist von Michael Horeni, einem Vertreter der liberaleren Fraktion. Horeni hatte schon in den Klinsmann-Debatten vor der WM 2006 gegen das Establishment um Beckenbauer kommentiert – und damit gegen Teile des Ressorts. Der oft gehörte Einwand, er habe das getan, weil er Klinsmann-Biograph sei, überzeugt mich nicht. Vorigen Monat hat er mit seinem Kollegen Michael Reinsch eine kritische Analyse der Sportförderung verfasst. Und prompt von Thomas Bach und dem Rest des DOSB eine Rüge erteilt bekommen. So viel Gegenwind sind die Sportgrößen von der FAZ nicht gewohnt. Ob der DFB ähnlich reagiert? Ich könnte mir vorstellen, dass in Frankfurt heute über den „Zickzackzwanziger“ eifrig diskutiert wird.

5 Kommentare

  1. jw schrieb am 22. Februar 2010:

    Mensch, Oliver. Soll ich mir hier mal zum 20er äußern? Lange nichts geschrieben :)

    Im Ernst, ich finde es gut, dass Du diese Email zitierst. Ich finde den Horeni-Text auch erstaunlich, muss allerdings einwenden, dass es sich letztlich wieder um einen typischen DFB-Text handelt. Typisch für nahezu alle DFB-Nationalmannschafts-Berichterstattungstexte. Es wird immer Rücksicht genommen, alle kennen viele Kleinigkeiten und machen Andeutungen, aber niemand versucht, den Laden mal konsequent zu beschreiben. Woanders – SZ, Welt – tauchten zuletzt ja zu verschiedenen Themen längliche 20er Interviews auf, bei denen man sich fragte …

    Aber bitte: Dieser Kommentar ist rein privat und nicht für den Newsletter gedacht.

    Warum es Michael Horeni nicht fertig bringt, den Namen des Journalisten zu nennen, frage ich mich auch. Und das hat nicht viel mit Eitelkeit zu tun. Es ist nur eine Frage, und vielleicht auch eine Frage des Anstands.

    Eine Korrektur zu Deinen Anmerkungen: Leitartikel gab es zu diesem Thema nicht.

    P.S.: Das Kürzel des Schreibers dieses Kommentars in diesem anonymen Internet-Block ist mein Kürzel. Wenn man es kann, dann kann man darauf klicken (keine Bange, das tut nicht weh, weder mir, noch den Buchstaben, noch demjenigen, der sich zu Klicken traut) und würde dann zum Blog des Kommentarschreibers gelangen. Dieser Blog ist ebenfalls nicht anonym, sondern wird von einer real existierenden Kommentarschreiberpersönlichkeit geführt.

  2. Oliver Fritsch schrieb am 22. Februar 2010:

    Jens Weinreich kommentiert im direkten freistoss – Geschichte wiederholt sich.

    Hoffentlich nicht.

    Ein Hinweis: Dies ist ein öffentliches Blog. Also gut, ich zitiere Dich nicht. Aber ich kanns auch keinem verbieten. Letztlich wollte ich damals mit dem Zitat nicht anschwärzen, sondern mich schmücken.

    Bei Detailfragen in Zeitungstexten, und das ist die Frage nach Deiner Namensnennung, sollten wir immerhin berücksichtigen: Ist der Text redigiert? Und wer hat das wie getan?

    Ansonsten: Feier schön rein!

  3. Blog für den kritischen Fußballfreund | direkter-freistoss.de » DFB ./. Amerell: Zwanzigers Verteidigung und die Eitelkeit des Präsidenten schrieb am 24. Februar 2010:

    [...] der die Eitelkeit des Präsidenten in den Mittelpunkt rückte“, schreibt Michael Horeni in dem kürzlich zitierten Artikel. „Erst wurde darin festgestellt, dass DFB-Vizepräsident Koch, der wegen unzureichender [...]

  4. Hinz und Kunz über den Sportmonat Februar « sportinsider schrieb am 1. März 2010:

    [...] weiterer empfehlenswerter Text ist dem Hartplatzhelden Fritsch mit Zwanziger: Unerwarteter und starker Gegenwind aus Frankfurt gelungen. Ich habe meinen Laptop mit. Ich werf ihn gleich an. Herr Ober, bitte zwei Cappucino. [...]

  5. Roth vs Wack, Klage gegen Bierhoff – der Prozessticker des DFB-Familiengerichts | Blog für den kritischen Fußballfreund | direkter-freistoss.de schrieb am 3. März 2010:

    [...] auch wie eine chinesische Kriegslist wirkt.“ Die Rede ist von Michael Horeni, der vor zehn Tagen einen sehr kritischen Text über Zwanziger veröffentlicht hat. Warum hat Zwanziger auf eine Klage verzichtet? Hat der Duden [...]

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